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Eine Satire über den Kalten Krieg: Die Abenteuer des Herrn Rafaeljan
Im Nachwort zur 1996 erschienenen Wiederauflage des „politischen Thriller[s]“121
Die Abenteuer des Herrn Rafaeljan unter dem Titel Und wenn sie nicht gestorben
sind ... schreibt Milo Dor über den Roman, der in Zusammenarbeit mit Rein-
hard Federmann entstanden ist: „Es handelt sich um einen politischen Thriller,
wie sie Eric Ambler oder Graham Greene schrieben. Wir wollten eine Satire über
den Kalten Krieg und das Handwerk der Politik schreiben, das von manch ande-
ren Autoren mit tiefem Ernst behandelt wurde.“122 Der Protagonist des Romans,
der Journalist Erwant Rafaeljan ist in einem fiktiven Land namens Illyrien gebo-
ren, das als nicht-kommunistisches osteuropäisches Land geschildert wird und
in manchem an Österreich erinnert, und in einem anderen namens Dazien auf-
gewachsen, das Ähnlichkeiten zu verschiedenen Westbalkanstaaten aufweist.
Dazien ist daran interessiert, auf westliche Länder einen politisch stabilen und
soliden Eindruck zu machen, während jedoch ein untergründiger Bürgerkrieg
zwischen zwei Lagern schwelt, der Nationalen Liga (NL), die mit der Sowjetuni-
on kooperiert, und der Nationalen Front (NF), die gegenwärtig an der Macht ist
und mit westlichen Staaten kooperiert. Rafaeljan gehörte zunächst der ersten
Nationalen Liga, einer Untergrundbewegung gegen eine feudale Diktatur, an.
Als diese an die Macht gekommen war, spaltete sie sich in die NF und die in den
Untergrund abgedrängte NL, mit der Rafaeljan zunächst sympathisiert, deren
Korruption ihn aber dann ebenso abstößt wie jene in der regierenden Partei. Als
Konsequenz wird er von beiden Parteien verfolgt und muss ins Exil flüchten. Zu
Beginn der Romanhandlung kehrt er zurück, um eine Reportage für das Pariser
Sensationsblatt zu schreiben, bei dem er angestellt ist. Durch seine Tätigkeit als
Korrespondent einer ausländischen Zeitung wird er aber zwangsläufig zu einer
Art Spion, da er Informationen sammelt und weitergibt. So wird – wie in ande-
ren Agententhrillern Dor/Federmanns – ein Schlaglicht auf die Nähe zwischen
Schriftsteller und Spion, die beide mit Wissen und Fiktionen arbeiten, geworfen.
Als ausländischer Agent wider Willen wird Rafaeljan zum Mittelpunkt der
Machtkämpfe im dazischen Bürgerkrieg. Schon bei seiner Zugfahrt nach Dazi-
en wird er bald von „zwei stämmige[n] Herren“ (AHR 24) eskortiert, die er als
Agenten einer der dazischen Parteien identifiziert. Es stellt sich heraus, dass die
beiden von General Puccini, dem dazischen Innenminister, abgestellt wurden,
um Rafaeljan als „Agenten“ des Auslandes zu verhaften und zu verhören. Als
der dazische Informationsminister Makartian General Puccini anhält, seinen
Haftbefehl gegen Rafaeljan zu revidieren, erschrickt dieser: „[W]ie war er hinter
121 Dor: Nachwort. Und wenn sie nicht gestorben sind ..., S. 201–203, hier S. 202 [im Folgenden
abgek. AHR].
122 Ebd., S. 202 f.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
392 9 Spionage
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918