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Parodie des Grauens: Abenteuer in Totalifornien
Anders als in den heiteren satirischen Texten Marx und Moritz und Die Aben-
teuer des Herrn Rafaeljan, die beide etwa 1958 geschrieben wurden und das Spi-
onagegenre oder den Spionagediskurs lächerlich machen, weisen frühere Texte
wie das Kabarettmittelstück Merz/Qualtingers Fahrt ins Rote (1956)125 und die
in der Arbeiter-Zeitung abgedruckte Kurzerzählung Abenteuer in Totalifor-
nien126 (1949) eine beklemmende Dimension auf. In beiden Texten wird eine
Reise in einen totalitären Staat beschrieben, die aus der Perspektive eines relativ
ahnungslosen Reisenden erlebt wird. Das Reiseland erscheint als groteske Umkeh-
rung eines idealen Urlaubsortes, der jeweils im Titel anklingt. In beiden Fällen
erfolgt sofort nach dem Grenzübertritt die Festnahme des Reisenden durch die
Behörden, weil sie der Spionage verdächtigt werden. Die Elemente der Grotes-
ke, die in Abenteuer in Totalifornien zum Einsatz kommen, zeigen sich als Über-
steigerungen typischer Motive wie der ständigen Bewachung:
Meine Begleitstaffel, die mich seit der Zwischenlandung im Grenzflughafen be-
schattete, bestand aus acht Mann: zwei für mich, vier für die zwei, die für mich
bestimmt waren und zwei Sonderbevollmächtigte der Hauptüberwachungsstelle,
die sich gegenseitig zu kontrollieren und die Überwachungsstaffel zu überwachen
hatten.127
Die uniformierten, maskierten, jede Handlung dokumentierenden Beamten,
denen der Protagonist in ‚Totalifornien‘ ausgeliefert ist, tragen anonymisierende
Bezeichnungen wie L
12, L
13 oder OX
14
n. Der Protagonist, der nur seine Tan-
te besuchen möchte, muss zuerst 145 Fragen beantworten. Ein erstes Verdachts-
moment finden die Beamten bei der Untersuchung des Gepäcks, als sie auf
„schwach erkennbare dunkle Striche, Punkte und Kreise auf der Rückseite der
Tasche“ stoßen. Sie stellen mit unerschütterlicher Sicherheit fest, dass es sich
dabei um eine „Geheimschrift“ handeln müsse. Es beeindruckt sie in keiner Wei-
se, dass der Reisende erklärt, sein zweieinhalbjähriger Sohn habe die Tasche
bekritzelt. Weiters wird das „rhythmische Husten“ des Reisenden während des
Fluges als „Morsesprache“ identifiziert und auch gleich dechiffriert. Das Rau-
schen wird unter dem paranoiden Blick zur Information. Überall tauchen aus
125 Das Mittelstück Fahrt ins Rote wird von Torberg als „gar nicht komische[r] Sketch“ bewertet,
der jedoch seine Aufgabe „Hintergründe satirisch auszuleuchten“ wahrnimmt. Vgl. Friedrich
Torberg: Cabaret und Kabarett. Der Unterschied zwischen C und K demonstriert am Wiener
Beispiel (1957) In: Ders.: Das 5.
Rad am Thespiskarren. Theaterkritiken. Bd.
1. München, Wien:
Langen Müller 1966, S. 352–361, hier S. 357.
126 Ewald Ostmann: Abenteuer in Totalifornien. In: Arbeiter-Zeitung, 27.11.1949, S. 5.
127 Ebd., S. 5. Spionageparodien, -satiren, -grotesken 395
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918