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dem Nichts Verdachtsmomente auf, die nicht etwa nur den Reisenden zum
Gegenstand der biotechnisch und informationstechnisch elaborierten Untersu-
chungsmaschinerie werden lassen, sondern ebenso alle Beamten, die mit ihm
in Berührung kommen, als ob sie von ihm kontaminiert sein könnten (vgl. Kapi-
tel
12: Kunst im Kalten Krieg). Seine „Begleitstaffel“ wird in Untersuchungshaft
genommen, absurderweise da sie einen Verdächtigen ins Land begleitet hat. Dem
Beamten, der eine Sonderbewilligung für den Aufenthalt ausstellt, ergeht es
ebenso, weil er die Nase des Reisenden als „spitz“ vermerkt, obwohl es laut Pass
„stumpf“ heißen müsste. Diese Fehler der Beamten werden im paranoiden Sys-
tem Totaliforniens als Angriffe durch den inneren Feind decodiert, der durch
diese Decodierungspraxis erst generiert wird.
Der Text häuft groteskes Beispiel auf Beispiel: Der Bote, der eine Probe der
als Reiseproviant mitgeführten Wurstsemmeln des Protagonisten in ein Labor
bringen soll, wird inhaftiert und seines Mageninhalts beraubt, da er die Proben
nicht abgeliefert, sondern aufgegessen hatte. Er gerät so in Verdacht, Beweisma-
terial vernichtet zu haben. Schließlich tauchen absurde Geständnisse auf, wie
jenes der Tante, sie hätte vergiftete Wurstsemmeln für einen Anschlag auf füh-
rende Personen Totaliforniens von ihrem Neffen aus dem Ausland in Empfang
nehmen sollen. Der Protagonist wird durch solche ‚Tatsachen‘ eindeutig als Agent
einer feindlichen Macht ausgewiesen und für tot erklärt, da er die vermeintlich
vergifteten Wurstsemmeln verzehrt habe. Dass der Protagonist freilich lebt, straft
den Informationsapparat des totalitären Staates Lügen und macht evident, dass
die scheinbar auf Fakten beruhende Untersuchung diese Fakten selbst erschafft.
Das vermeintliche Geheimnis ist wiederum eine leere Größe, die nur in ihrer
Hülle besteht und die nur duch die Annahme, es müsse ein Geheimnis geben,
generiert wird. Dieselbe Logik, die in einer Person einen feindlichen Agenten
oder Spion vermutet, erschafft erst den Feind. Mittels Übertreibung, Serialisie-
rung und grotesker Logik machen außer der Erzählung Abenteuer in Totalifor-
nien auch die Satiren und Parodien von Merz und Qualtinger bzw. Dor und
Federmann in je unterschiedlichen Genres auf diese Prozesse aufmerksam.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
396 9 Spionage
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918