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Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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– damals fing es an, daß man mit Leuten, die man früher ganz annehmbar oder schlimmstenfalls gleichgültig gefunden hatte, nichts mehr zu tun haben wollte. Unmittelbar vor dem Einzug der Nazi in unsre Heimat häuften sich die Fälle, und zur Zeit des deutsch-russischen Paktes erreichten sie das Maß einer Epidemie, de- ren Keime sogar in die verschiedenen Konzentrationslager eingeschleppt wurden. Am vehementesten aber kam die Krankheit nach der Befreiung zum Ausbruch. Jetzt waren es nicht nur die einstigen Nazi-Kollaborateure, die man sich vom Lei- be hielt. Man konnte auch mit den Mitläufern und Handlangern des Kommu- nismus nicht mehr auskommen – [...]. Wenn der politische Knochenfraß einmal eingesetzt hat, ist er nicht mehr aufzuhalten. Dieser eine, einzige Bazillus genügt, um den wohlgefügten Organismus einer menschlichen Beziehung zu zerstören. Es hilft auch nicht im mindesten, das schleichende Gift zu diagnostizieren. Die Diagnose wirkt dem Zersetzungsprozeß nicht entgegen, sondern fördert ihn noch. (NL 456  f.) Der „politische Knochenfraß“ besteht in der epidemischen Ausbreitung von Misstrauen und Feindschaft in totalitären Regimen, die sich wie Keime ausbrei- ten, sodass Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus als ein und dieselbe Krankheit erscheinen können. Zugleich depersonalisiert die Metapher den Feind, indem die Zerstörung von Beziehungen nicht allein bestimmten Personen(grup- pen) angelastet wird, sondern sich als feindliches Verhalten auch auf Seiten des betroffenen Subjekts zeigt, das selbst von der Krankheit angesteckt wird.14 Obwohl diese Metaphorik das Aufrichten von griffigen Feindbildern betont vermeidet, wird dies über eine Hintertür doch geleistet, indem die Verantwortung für die tödliche Krankheit des Totalitarismus eindeutig den Vertretern und vertreterin- nen des Nationalsozialismus und des Sowjetkommunismus zugewiesen wird. Während Dr. M. keinen Hinweis darauf gibt, wie der „Knochenfraß“ aufzu- halten wäre und als reines Opfer einer degenerativen Krankheit auftritt, war das Verhalten des Autors Torberg keineswegs nur passiv und erleidend. In seinem Kampf gegen alle echten oder vermeintlichen Fellow-Traveller des Kommunis- mus ging er so weit zu versuchen, wie Hilde Spiel es nannte, ihr und ihrem Mann Peter de Mendelssohn „den Erwerbsfaden abzuschneiden“,15 also selbst chir- 14 Arthur Koestler verwendet die Bilder der Vergiftung und der Operation, um die „ruthlessness“, die rationalistische, utilitaristische und erfolgsorientierte Ausrichtung der modernen Welt anzusprechen, die er bis zu einem gewissen Grad für nötig, aber auch für gefährlich hält. Die Krankheit betrifft dabei die gesamte Menschheit und kann durch unkundige ärztliche Maß- nahmen noch gesteigert werden. Auch hier wird eine eigene Involvierung in den Krankheits- prozess nicht bestritten. Arthur Koestler: What the Modern World is doing to the Soul of Man. In: Ders. The Challenge of our Time. A Series of Essays. [Beiträge von Arthur Koestler u.a.] London: Percival Marshall 1948, S.  15–19, hier S.  17. 15 Spiel: Welche Welt ist meine Welt?, S. 195. Feind = Krankheit 403
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Title
Diskurse des Kalten Krieges
Subtitle
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2017
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Size
15.9 x 24.0 cm
Pages
742
Categories
Geschichte Nach 1918
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