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Organismus schädigende, Bedrohungen verwendet, um aggressive Maßnahmen
zu provozieren und zu legitimieren. In den USA verband sich das Feindbild des
Kommunismus mit einer „germophobia“,23 die durch europäische Emigranten
und Emigrantinnen ausgelöst wurde. Es entstand das Bild einer von außen (Euro-
pa) in die USA eindringenden Problematik, die mit dem Bild einer Infektions-
krankheit gefasst werden konnte. Brian Diemert hält fest:
Communism in the Cold war era was routinely figured as contamination, an inva-
sion of the body politic that challenged the nation’s immune system and corrupted
the hearts, minds, and bodies of healthy Americans.24
Er verweist auf Beispiele in amerikanischen Filmen, die das Bild der Bedrohung
des (amerikanischen) Körpers durch vergiftetes Wasser25 (Dr. Strangelove, 1964)
oder der Manipulation des Denkens von Amerikanern und Amerikanerinnen
durch ‚Brainwashing‘ nach dem Modell des Films The Invasion of the Body
Snatchers (1956) als Angstvisionen verbreiten. Gefürchtet wurde vor allem die
infektionsartige Ausbreitung der kommunistischen Ideologie, sowohl innerhalb
der USA als auch im weltpolitischen Maßstab. US-Außenminister Dean Ache-
son verglich die Ausbreitung des Sowjetkommunismus im Nahen Osten mit dem
Fortschreiten von Fäulnis innerhalb einer Kiste von Äpfeln, wobei ein fauler
Apfel die anderen ‚anstecke‘.26 George Kennan vergleicht in seinem „Langen
Telegramm“ den Kommunismus in den USA mit einem Parasiten, der nur kran-
kes oder schwaches Gewebe befallen kann: „Much depends on health and vigor
of our own society. World communism is like a malignant parasite which feeds
only on diseased tissue.“27
Hier wird vor jeglicher eigenen Schwäche gewarnt, da durch diese eine wei-
tere Schwächung durch den Feind droht. Ganz ähnlich mutet es an, wenn
Chruschtschow die Selbstkritik der Sowjetunion in der Entstalinisierungsperi-
ode als ein gefundenes Fressen für den Westen – metaphorisiert als Parasit –
23 Diemert: Uncontainable Metaphor, S. 33.
24 Diemert: Uncontainable Metaphor, S. 34.
25 Die Verwendung der Giftmetapher war allerdings auch in der sowjetischen Feindbildrhetorik
weit verbreitet. Vgl. Rohrwasser: Der Stalinismus und die Renegaten, S. 40 f. Dieses Moment
des Unsichtbaren am ‚Feind‘, der „unsichtbare[n] Macht der Bürgerwelt“, verbindet Ernst
Fischer in einem frühen Text mit „Bazillen und Toxine[n]“. Ernst Fischer: Roman des Bürger-
kriegs. Ein Vorwort zur Trilogie ‚Der Leidensweg‘ von Alexej Tolstoj. In: Ders.: Kunst und
Menschheit. Essays. Wien: Globus 1949, S. 7–34, hier S. 31.
26 Vgl. Fischer: Kunst und Menschheit, S. 31.
27 George Kennan: Telegramm an den US-Staatssekretär Harry S. Truman am 22. Februar 1946.
Online zugänglich in „Harry S. Truman Presidental Museum and Library“: https://www.tru-
manlibrary.org/ [zuletzt aufgerufen 11.4.2017], S. 19. Feind = Krankheit 405
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918