Page - 407 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Image of the Page - 407 -
Text of the Page - 407 -
„totalitären System“ geortet und für die eigene Situation der Opferstatus bean-
sprucht wird.
Die Fäulnis des Kapitalismus
Während innerhalb der österreichischen Literaturlandschaft des Kalten Krieges
auf westaffiner Seite Metaphorisierungen des Kommunismus als Krankheit
zumeist in reflektierter und relativierter Form auftreten, werden auf Seiten der
Kommunistinnen und Kommunisten vergleichsweise scharfe Trennungen zwi-
schen positiv bewerteten Körpern und negativ bewerteten Krankheiten vollzo-
gen. Besonders bevorzugt wird die Metapher der Fäulnis.
Zu nennen ist hier Ernst Fischers Drama Der große Verrat33 (1950), das auf
die von Seiten der Sowjetunion bekämpften Autonomiebestrebungen Jugosla-
wiens unter Josip Broz Tito in den Jahren 1948/49 reagiert und die politische
Haltung Jugoslawiens als „Verrat“ gegenüber der Sowjetunion anprangert. Das
linientreue KP-Stück wurde in der DDR häufig aufgeführt34 und trotz geringen
Erfolgs35 auch in Österreich durch die Bibliothekskommission des Stadtschul-
rates der zuständigen Magistratsabteilung zur Einstellung in Lehrerbibliotheken
empfohlen.36 Bereits 1955 waren sich aber Verlag und Autor einig, die noch
vorhandenen Exemplare des Dramas Der große Verrat sollten eingestampft wer-
den.37
Die Arbeiter-Zeitung nennt Fischers Drama „bis in die letzte Phrase [...]
33 Ernst Fischer: Der große Verrat. Ein politisches Drama in fünf Akten. [UA: 13.4.1950, Scala]
Wien: Globus Verlag 1950 [Im Folgenden abgek.mit GV].
34 Vgl. Ernst Fischer: Das Ende einer Illusion. Erinnerungen 1945–1955. Wien, München, Zürich:
Molden 1973, S. 271.
35 Die Uraufführung in der Scala war eine der schlecht besuchtesten Vorstellungen dieses ohne-
hin marginalisierten Theaters. Vgl. Wilhelm Pellert: Roter Vorhang rotes Tuch. Das neue The-
ater in der Scala (1948–1956). In: In Sachen 5 (1979) H. 8, S. 5–99, hier S. 49.
36 Michael Rosak, Obmann der Bibliothekskommission der Abt. III des Stadtschulrates an Glo-
bus, undatiertes Dokument, Zentrales Parteiarchiv der KPÖ, Alfred Klahr Gesellschaft, Wien.
37 Globus-Verl. an Ernst Fischer, Schreiben vom 21.11.1955, Zentrales Parteiarchiv der KPÖ,
Alfred Klahr Gesellschaft, Wien. Fischer stimmte der Vernichtung der Druckwerke möglicher-
weise auf Drängen des Verlages, möglicherweise aber auch aufgrund von Überlegungen zu, die
ihn später in seinen Autobiographien Erinnerungen und Reflexionen (1969) und Das Ende einer
Illusion (1973) dazu bewegen, die Stückaussage zu widerrufen. Hier verurteilt er den Text dafür,
die „Idee der Unabhängigkeit, des eigenen Weges zum Sozialismus“ (Das Ende einer Illusion,
S.
268) zu desavouieren. Vgl. Karl Kröhnke: Ernst Fischer oder die Kunst der Koexistenz. Leben
und Meinungen eines österreichischen Kommunisten. Frankfurt/M., Wien: Büchergilde Guten-
berg 1994., S. 86 f. Zu Fischers Selbstkritik vgl. ausführlich Fischer: Das Ende einer Illusion,
S. 265–276. Er gibt damit einer Kritik von Reinhard Federmann und Milo Dor recht: „Die
Ursachen für den Abfall Titos von Moskau liegen nicht allein in seinem persönlichen Ehrgeiz
Feind = Krankheit 407
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918