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Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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Page - 409 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur

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Als Marina, die sowjettreue und vitale Tochter Malabrancas,40 ein Gespräch mit der Amerikanerin ablehnt, fragt diese ironisch: „Fürchtet sie die kapitalis- tische Ansteckung?“ (GV 10) An einer anderen Stelle unterhalten sich Diego, der ideologisch unentschlos- sene und zum Existenzialismus neigende Sohn Malabrancas, und Robin Leslie über Annabell: „Diego: Eine gespenstische Freiheitsgöttin. / Robin: Eigentlich nur ein armes Luder.“ (GV 21) Die Bezeichnung Annabells als „Luder“ ist inner- halb der Verweiskette zu sehen, die das Stück durchzieht und Verwesung, Deka- denz und Tod mit den westlichen Figuren verbindet.41 Das Lexem „Luder“ kommt vom mittelhochdeutschen „luoder“ und bezeichnet in der Falknerei und Jägersprache ein Tieraas, mit dem ein Raubvogel oder ein Beutetier angelockt wird.42 In Fischers Text wird ein solches „Luder“ (GV 34) ausgelegt, um einen Bären anzulocken, den die Jagdgesellschaft des Präsidenten und seiner Minister erlegen will. Diese Jagd, die an der Peripetie des Stücks angesiedelt ist und das politische Manöver gegen den ‚russischen Bären‘43 symbolisiert, führt zur Ermor- dung eines jugoslawischen Anhängers der Sowjetunion, des stellvertretenden Ministerpräsidenten Juan Maduros. Die spielerische Jagd bekommt Züge eines politischen Anschlags. Maduros prophezeit Malabranca vor seinem Tod Unheil, das für Jugoslawien aus der Allianz mit dem Westen erwachsen wird: Weißt du, was kommen wird, kommen muß, wenn wir uns losreißen von der So- wjetunion? [...] Alles, was faul und giftig ist, steigt aus dem Kehricht auf, setzt sich auf uns wie ein Fliegenschwarm. Was tot war, ist nicht mehr tot, Vergangenheit er- würgt die Gegenwart, über den Ozean weht die Krise ins Land, der Leichendunst des Untergangs. Das Volk wird arm sein, leiden, schweigen – bis es aufsteht gegen euch, bis es euch stürzt. (GV 37) Malabranca schlägt diese Warnung buchstäblich in den Wind, worauf die Hand- lung umschlägt: „der Wind dreht sich“ und Aasgeruch wird bemerkbar: Malabranca: [...] Der Wind hat sich gedreht. Bald wird die Sonne aufgehn [sic!]. Außenminister: Es riecht abscheulich. 40 Ernst Fischers Tochter trägt ebenfalls den Vornamen Marina. 41 Egyptien bemerkt die Motivik des Verwelkens bei Fischer, deutet sie aber nicht. Egyptien: Der lange Schatten des Stalinismus, S.  127. 42 Vgl. Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. In: Wörterbuchnetz. URL: http:// woerterbuchnetz.de/DWB [zuletzt aufgerufen 30.05.2017]. Lemma: Luder. 43 Egyptien beschreibt die Allegorie des russischen Bären in der Bärenjagd, aber dass Maduros „zufällig“ erschossen wird, ist nicht zu bestätigen. Ruft doch der Schütze unmittelbar nach dem Schuss: „Der Verräter ist liquidiert  …“ (GV 38) Egyptien: Der lange Schatten des Stalinismus, S.  120. Feind = Krankheit 409
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Title
Diskurse des Kalten Krieges
Subtitle
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2017
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Size
15.9 x 24.0 cm
Pages
742
Categories
Geschichte Nach 1918
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