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Malabranca: Das Pferdeaas. Der Wind ist voll davon. Ekelt es dich, Marina?
Marina: Es würgt mich im Hals. (GV 37)
Marina, die als einzige Maduros verteidigt, verspürt jenes Würgen, das dieser
prophezeite und das aus der (faschistischen) Vergangenheit in die Gegenwart
hineinreicht. Diego, der mit dem Westen sympathisiert, kommt dadurch eben-
falls mit einer dekadenten Welt in Berührung. Annabell sagt über ihn: „Diego
ist ein westlicher Mensch. Er liebt Whisky und Rimbaud.“ (GV 10) Am Ende
des vierten Aktes, als er mit dem Westen radikal gebrochen hat, klagt Diego sich
selbst an: „Ich war verludert, wurmstichig, unwissend.“ (GV 50) Die Kette der
Assoziationen, die den Westen mit Dekadenz und Untergang, Tod und Fäulnis
verknüpft, findet ihren abschließenden Höhepunkt im fünften Akt, wenn ein
amerikanischer Financier namens Martin Sherman Malabranca aufsucht, um
ihm einen Kredit zu gewähren.
Sein Auftritt wird mit charakteristischen Regieanweisungen versehen: „Sher-
man (wankt herein, hinkend, auf einen schwarzen Krückstock gestützt)“. (GV 53)
Sein besonders schlechter Zustand wird durch die Begegnung mit der Bärin
Carmen hervorgerufen, die Malabranca als Haustier hält. Dieses Tier, das im
Drama mit einer Verweiskette verbunden ist, die Begriffe wie Volk, Weiblichkeit
und Vitalität mit der positiv dargestellten Sowjetunion assoziiert, wird vom pro-
totypischen „Amerikaner“ Sherman sogleich als „[a]bscheuliches Biest!“ und
als Gefahr erkannt: „Mein Tod kann das sein!“ (ebd.) Die körperliche Stärke, die
der Bär, Malabranca und das jugoslawische Volk verkörpern, wird von Sherman
allerdings bewundert, da er selbst über diese Werte nicht verfügt:
Sherman: Sehen Sie nicht, wie krank ich bin? Ein lebender Leichnam. Angina
pectoris. [...] Sie sind gesund. Brustkorb, Muskeln, festes Fleisch. Wer sich das
kaufen könnte.
Malabranca: Ja, wir sind ein gesundes Volk.
Sherman: Ist mir aufgefallen. Angenehm aufgefallen. Nicht so gut genährt wie Sie,
aber stramm, stramm. Ihre Soldaten, [...]. (Er leckt sich die Lippen) Ein herzerqui-
ckender Anblick für den alten, kranken Mann. (Ebd.)
Sherman erscheint nicht als irgendein alter kranker Mann, sondern als der alte
kranke Mann schlechthin. Aus der Perspektive einer kommunistischen Geschichts-
deutung ist das der Kapitalismus selbst, der als veraltetes, bald überwunden sein
werdendes Wirtschaftssystem gedacht wird. Shermans Leiden an „angina pec-
toris“ attestiert dem kapitalistischen System in überdeutlicher Bildlichkeit Engher-
zigkeit, seine Gebrechlichkeit prophezeit den baldigen Untergang. Gerade seine
schlechte Verfassung macht ihn abhängig von der Unterstützung des gesunden,
wehrtüchtigen Volkes von Jugoslawien. Dieses ist bei Fischer dadurch charak-
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
410 10 Feindbilder – Krankheitsbilder
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918