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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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Page - 410 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur

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Malabranca: Das Pferdeaas. Der Wind ist voll davon. Ekelt es dich, Marina? Marina: Es würgt mich im Hals. (GV 37) Marina, die als einzige Maduros verteidigt, verspürt jenes Würgen, das dieser prophezeite und das aus der (faschistischen) Vergangenheit in die Gegenwart hineinreicht. Diego, der mit dem Westen sympathisiert, kommt dadurch eben- falls mit einer dekadenten Welt in Berührung. Annabell sagt über ihn: „Diego ist ein westlicher Mensch. Er liebt Whisky und Rimbaud.“ (GV 10) Am Ende des vierten Aktes, als er mit dem Westen radikal gebrochen hat, klagt Diego sich selbst an: „Ich war verludert, wurmstichig, unwissend.“ (GV 50) Die Kette der Assoziationen, die den Westen mit Dekadenz und Untergang, Tod und Fäulnis verknüpft, findet ihren abschließenden Höhepunkt im fünften Akt, wenn ein amerikanischer Financier namens Martin Sherman Malabranca aufsucht, um ihm einen Kredit zu gewähren. Sein Auftritt wird mit charakteristischen Regieanweisungen versehen: „Sher- man (wankt herein, hinkend, auf einen schwarzen Krückstock gestützt)“. (GV 53) Sein besonders schlechter Zustand wird durch die Begegnung mit der Bärin Carmen hervorgerufen, die Malabranca als Haustier hält. Dieses Tier, das im Drama mit einer Verweiskette verbunden ist, die Begriffe wie Volk, Weiblichkeit und Vitalität mit der positiv dargestellten Sowjetunion assoziiert, wird vom pro- totypischen „Amerikaner“ Sherman sogleich als „[a]bscheuliches Biest!“ und als Gefahr erkannt: „Mein Tod kann das sein!“ (ebd.) Die körperliche Stärke, die der Bär, Malabranca und das jugoslawische Volk verkörpern, wird von Sherman allerdings bewundert, da er selbst über diese Werte nicht verfügt: Sherman: Sehen Sie nicht, wie krank ich bin? Ein lebender Leichnam. Angina pectoris. [...] Sie sind gesund. Brustkorb, Muskeln, festes Fleisch. Wer sich das kaufen könnte. Malabranca: Ja, wir sind ein gesundes Volk. Sherman: Ist mir aufgefallen. Angenehm aufgefallen. Nicht so gut genährt wie Sie, aber stramm, stramm. Ihre Soldaten, [...]. (Er leckt sich die Lippen) Ein herzerqui- ckender Anblick für den alten, kranken Mann. (Ebd.) Sherman erscheint nicht als irgendein alter kranker Mann, sondern als der alte kranke Mann schlechthin. Aus der Perspektive einer kommunistischen Geschichts- deutung ist das der Kapitalismus selbst, der als veraltetes, bald überwunden sein werdendes Wirtschaftssystem gedacht wird. Shermans Leiden an „angina pec- toris“ attestiert dem kapitalistischen System in überdeutlicher Bildlichkeit Engher- zigkeit, seine Gebrechlichkeit prophezeit den baldigen Untergang. Gerade seine schlechte Verfassung macht ihn abhängig von der Unterstützung des gesunden, wehrtüchtigen Volkes von Jugoslawien. Dieses ist bei Fischer dadurch charak- Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR 410 10 Feindbilder – Krankheitsbilder
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Title
Diskurse des Kalten Krieges
Subtitle
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2017
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Size
15.9 x 24.0 cm
Pages
742
Categories
Geschichte Nach 1918
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