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Die Vorstellung der Dekadenz als einer Abfolge von Aufstreben und Verfall
ganzer Epochen, Klassen, Arten oder Völker war bereits im 19.
Jahrhundert zum
biologistisch unterbauten Diskurs geworden. Stärke und Schwäche als Gründe
für das Überleben nicht nur von Individuen, sondern von ganzen Kollektiven
wurden dabei mit deren Erfolg nicht nur in puncto Anpassung an Lebensbedin-
gungen und Fortpflanzung, sondern auch auf deren Eigenschaften als Kämpfer,
also als gewalttätig Handelnde zurückgeführt und zu wesentlichen Eigenschaf-
ten erklärt.46 Biologistische Visionen der Züchtung ‚neuer Menschen‘ knüpften
an diesen Diskurs an.47 Im ästhetischen Diskurs der Jahrhundertwende in Mit-
teleuropa entwickelte sich im Gegenzug auch ein positiver Begriff der ‚Déca-
dence‘ oder ‚Dekadenz‘, die einerseits mit einer kritischen, melancholischen und
skeptizistischen Weltsicht, andererseits mit der Vorstellung verbunden war, dass
kultureller Niedergang mit der Freisetzung kreativen Potentials einhergehe.48
Die kritischen und experimentellen Kunstströmungen der bürgerlichen Intel-
ligenz wurden besonders im Nationalsozialismus diffamiert, wobei man Begrif-
fe wie Entartung und Dekadenz einsetzte. Zur Zeit des Kalten Krieges waren
künstlerische Werke, die in der Tradition dieser ästhetizistischen Strömungen
der Jahrhundertwende gesehen werden konnten, in westlichen und östlichen
Gesellschaften wenig beliebt: „The expletive ‚decadent‘ was heard on both sides
of the Iron Curtain.“49 Besonders scharfe Verurteilung erfuhren sie allerdings von
kommunistischer Seite, die wie der Nationalsozialismus die Idee einer vitalen,
kraftvollen, vermeintlich männlichen Gesellschaft propagandistisch durchzuset-
zen suchte.50 Der Dekadenzbegriff wurde neben dem des Formalismus dazu ver-
wendet, kritische Kunst zu unterbinden und die Kunstproduktion auf eine par-
teilinienkonforme ideologische und formale Darstellungsweise zu verpflichten,
welche die kommunistischen Gesellschaften positiv zu bewerten hatte. 51
46 Zu sozialdarwinistischen Theorien, die gegen die Schriftsteller der Moderne um 1900 einge-
setzt wurden, vgl. Thomas Anz: Gesund oder krank? Medizin, Moral und Ästhetik in der deut-
schen Gegenwartsliteratur. Stuttgart: Metzler 1989, S. 44–47. Zur Bedeutung der Vorstellung
eines „Kampf[s] ums Dasein“ in der deutschsprachigen Literatur im Zusammenhang mit dem
Evolutionsdiskurs des 19. und frühen 20.
Jahrhunderts vgl. Werner Michler: Darwinismus und
Literatur. Naturwissenschaftliche und literarische Intelligenz in Österreich, 1859–1914. Wien,
Köln, Weimar: Böhlau 1999, S. 115–164.
47 Zu Bestrebungen, im Sozialismus einen biologistisch gedachten neuen Menschen zu schaffen
vgl. Prinz: Im Körper des Souveräns, S. 127–130.
48 Vgl. Roger Bauer: Die schöne Décadence. Geschichte eines literarischen Paradoxons. Frank-
furt/M.: Klostermann 2001. Zur Theorie der Verbindung von Genialität und Wahnsinn in der
Zeit des Übergangs zum 20. Jahrhundert vgl. Anz: Gesund oder krank?, S. 50–52.
49 Caute: The Dancer Defects, S. 541.
50 Vgl. Rohrwasser: Saubere Mädel – Starke Genossen, S. 93–103.
51 Vgl. Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen (Hg.): Die SBZ von A bis Z. 4., S. 70. Vgl.
Caute: The Dancer Defects, S. 10. Feind = Krankheit 413
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918