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Ernst Fischer, der in den 1950er-Jahren die „Dekadenz“ des Westens mitsamt
seiner Kunst noch in den dunkelsten Farben ausmalte, ergreift spätestens ab der
Kafka-Konferenz 1963 in Liblice Partei für Kunstwerke, die eine entfremdete,
nicht mehr versteh- und tragbare Welt sowohl in Ländern östlich als auch west-
lich des Eisernen Vorhanges mit modernen künstlerischen Mitteln darstellen.
Diese während der späten 1950er-Jahre beginnende Wendung ist beträchtlich.52
Im Herbst 1951 publiziert er einen umfassenden Artikel, in dem er in grellen
Bildern die kapitalistische Kunstpraxis verurteilt:
Der Imperialismus hat in einem beispiellosen Fäulnisprozeß die gesamte west-
liche Zivilisation mit Leichengift infiziert. [...] Genährt von einem gesellschaftli-
chen Kadaver, schwirrt durch diese untergehende Welt der unappetitlich-schau-
erliche Fliegenschwarm des Nihilismus. [...] [J]e ‚freier‘ der Künstler von jeder
gesellschaftlichen Verantwortung ist, je mehr man in ihm das Gefühl erzeugt, sein
eigenes, hoch über das Volk erhabene Ich sei das Maß aller Dinge, desto wehrloser
ist er allen Giftstoffen des Imperialismus preisgegeben, desto leichter ist es, ihn
mit den herrschenden Auffassungen, mit den Auffassungen der Herrschenden zu
infizieren und sein Talent in den Dienst einer sterbenden Welt zu stellen.53
Fischer spricht in diesem Artikel auch vom „Boden der verfaulenden Bürger-
welt“ und lässt keine Zweifel darüber aufkommen, dass er in der Welt des Kapi-
talismus eine untergehende und ebenso geschädigte wie schädigende sieht. Fäul-
nis, Gift, Infektion sind die Metaphern, die diese Ansicht deutlich machen. In
einer lobhudelnden Reaktion auf den Artikel im Tagebuch wird geurteilt: „groß-
52 Fischer bewegte sich 1951 noch auf der Generallinie, die Georg Lukács und Johannes R. Becher
vertraten. Vgl. Fischer: Kulturprobleme des neuen Deutschland. In: Tagebuch 6 (1951) H. 6,
17.3.1951, S.
6. Lukács soll laut einer Ankündigung im Tagebuch (Heft
1, 1952, S.
1) auch am
15.
Jänner 1952 in der Gesellschaft der Filmfreunde in der Weihburggasse
4 einen Vortrag zum
Thema „Gesunde und kranke Kunst“ gehalten haben. Jürgen Egyptien zeigt anhand von Fischers
Verteidigung Franz Kafkas im Aufsatz Das Problem der Wirklichkeit in der modernen Kunst in
Sinn und Form 1958 und Lukács’ gleichzeitiger Identifizierung Kafkas mit „Krankheit“ die
Jahre um 1958 als Zeit der beginnenden Abwendung Fischers von einem doktrinären Realis-
musverständnis. Jürgen Egyptien: Realismus, Totalität und Entfremdung. Zu einigen Differen-
zen in den ästhetischen Theorien von Georg Lukács und Ernst Fischer. In: Werner Jung (Hg.):
Diskursüberschneidungen. Georg Lukács und andere. Bern [u.a.]: Lang 1993, S. 87–100, hier
S. 95. Vgl. auch jüngere Publikationen: Egyptien: Der lange Schatten des Stalinismus, S. 131–
133 und vor allem Maximilian Graf, Michael Rohrwasser: Die schwierige Beziehung zweier
Bruderparteien. SED, KPÖ, Ernst Fischer und Franz Kafka. In: Jochen Staadt (Hg.): Schwieri-
ge Dreierbeziehung. Österreich und die beiden deutschen Staaten. Frankfurt/M.: Lang 2013,
S. 137–177, hier S. 149–153.
53 Vgl. Fischer: Probleme der modernen Kunst. Ein Vortrag Ernst Fischers vor Künstlern und
Schriftstellern. In: Tagebuch 6 (1951) H. 18, 1.9.1951, S. 3–6, hier S. 3. Hervorh. im Orig.
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Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918