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Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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artig die Kritik der Kulturfäulnis des Imperialismus“.54 15 Jahre später, in seiner Essaysammlung Kunst und Koexistenz (1966), die in der DDR nach Fischers Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 als Paradebeispiel für eine „revisionistische, konterrevolutionäre Konzeption“55 galt, greift er die Dogmatik des Sozialistischen Realismus an. Negative Darstellungen der kapita- listischen Gesellschaft werden nicht mehr als Symptom und Teil des bürgerli- chen Verfallsprozesses gewertet, sondern als Diagnose, die der kommunistischen Ideologie im Grunde zustimme. Noch mehr als die mit dieser Argumentation getätigte gnädige Rehabilitierung Samuel Becketts überrascht Fischers Partei- nahme für Alexander Solschenizyns Gulag-Roman Ein Tag im Leben des Ivan Denissowitsch (1962, dt. 1963): Iwan Denissowitsch hat nicht nur das Recht gehört zu werden, sondern auf ihn zu hören ist unabweislich Pflicht aller für die Zukunft des ‚sozialistischen Lagers‘ (welch ein unglückseliges Wort!) Verantwortlichen. Wer im Röntgenbild die in den Körper eingedrungenen Sprengstücke sichtbar macht, wer den chirurgischen Eingriff voll- zieht, ‚wühlt‘ nicht in Wunden, sondern hilft dem gefährdeten Organismus.56 Der eingedrungene Fremdkörper im Körper des Sozialismus ist nun der Stalinis- mus selbst, der sich einst als Chirurg oder Säuberer von Schmutz und Ungeziefer inszeniert hatte. Auf dessen Fehler hinzuweisen sei nicht Subversion, sondern Heilung des sozialistischen Projekts, eines „gefährdeten Organismus“. Dieser poli- tisch flexible Einsatz der Metaphorik von gesundem Körper und schädlichem Fremdkörper ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass auch Trotzki den Stalinismus wiederholt als Krebs verdammte.57 Spaltungen innerhalb einer Nati- on, einer politischen Partei oder Bewegung provozieren in den unterschiedlichs- ten Kontexten die Verwendung von Metaphern eines feindlichen Fremdkörpers. Fischer hat in Kunst und Koexistenz auch seine Einstellung „zum Problem der Dekadenz“ grundlegend gewandelt. Im gleichnamigen Essay gesteht er „sub- jektivistischen“58 Schreibweisen moderner Schriftsteller produktive Anteile zu, gibt zu, mit der Auffassung moderner Kunst als Symptom der Dekadenz unrecht gehabt zu haben, und zitiert mit anklagender Absicht Hitler: 54 Hans Just: Wer ist der Todfeind der Kunst? T[age] B[uch] diskutiert über ‚Probleme der moder- nen Kunst‘. In: Tagebuch  6 (1951) H.  21, 13.10.1951, S.  4. 55 Angela Schmole: ‚Operationsgebiet‘ Österreich. In: Staadt (Hg.): Schwierige Dreierbeziehung, S.  179–225, hier S.  222. 56 Ernst Fischer: Das Endspiel und Iwan Denissowitsch. In: Ders.: Kunst und Koexistenz, S. 7–32, hier S. 21. 57 Vgl. Sontag: Krankheit als Metapher, S. 70. 58 Vgl. Ernst Fischer: Zum Problem der Dekadenz. In: Ders.: Kunst und Koexistenz, S. 155–179, hier S. 173. Feind = Krankheit 415
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Title
Diskurse des Kalten Krieges
Subtitle
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2017
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Size
15.9 x 24.0 cm
Pages
742
Categories
Geschichte Nach 1918
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