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verachtenden Denkweise eines typischen NS-Apologeten, des Protagonisten
Albin Totila Höllriegl. Eine Frau, die von ihm bewundert wird und die neuesten
ideologischen Tendenzen vertritt, formuliert die herrschende Ideologie der Stär-
ke als Überbietung des NS-Terrors:
Um leben und herrschen zu können, muß man hart sein, beinhart – hören Sie!
Es ist alles nur eine Frage der Macht. Nach uns die Sintflut. Ich dürste [...] nach
einer neuen Zeit! Das Dritte Reich wäre sowieso bald an Altersschwäche veren-
det. Sehen Sie sich doch diese schlappe SS an, diese gemütliche Gestapo, diesen
fetten, aufgeblähten, vergreisten SD! Diese Routine-Folterungen! Diese Idyllen
in den Untermenschenlagern! Alles Entartung! Und dann das schlechte Gewis-
sen in allem und jedem! Das Reichssymbol ist nicht mehr der Adler, sondern die
Schlafspritze. (FW 99 f.)
Die Bereitschaft zu Grausamkeit und zur Unterdrückung anderer erscheint in
dieser sozialdarwinistischen Welt als Tugend. Von Frauen wird angenommen,
dass sie bei jeder Gelegenheit „sofort einem Stärkeren, Brutaleren folgen wie
eine läufige Hündin“ (FW 357). Höllriegl bezichtigt sich für seine „anständige“
Behandlung eines slawischen „Leibeigenen“ (FW 41) und „Untermenschen“ der
„Schwäche“ (FW 241). Wie in der Ideologie des realen NS-Regimes werden
bestimmte Menschen auf rassistischer Basis als biologisch minderwertig und
insofern krank eingestuft. So erwähnt Höllriegl ein „Amt [...] für Bevölkerungs-
politik und Erbgesundheit“, das zugleich die „Zentrale für das Euthanasiepro-
gramm“ ist. 1959 seien in Europa noch 748.000 Personen als Opfer dieses Pro-
gramms vorgesehen gewesen. Höllriegl führt weiter aus:
Bald darauf hatte man die Zahl herabgesetzt, weil alle halbwegs arbeitsfähigen
Erbkranken in die UmL [Untermenschenlager] verbracht wurden, wo man sie
in eigenen, kobenartigen Käfigen hielt – teils um als Versuchskaninchen für die
Neurochirurgie zu dienen, teils um zu niedrigsten Arbeiten verwendet zu werden.
(Auch erfolgreich lobotomierte Debile wurden der Wirtschaft wieder zugeführt.)
(FW 24 f.)
Mit Hilfe der Termini „Erbgesundheit“ und „Erbkrank[heit]“ wird in Basils Dys-
topie ein Großteil der Menschheit zu „rassisch Minderwertigen – Farbigen,
Tschandalen und Äfflingen“ (FW 85) degradiert. Juden werden explizit als
Nicht-Menschen benannt und ausgerottet:
Juden gab es nur noch in ausgestopftem Zustand in naturhistorischen Museen, wo
man sie als eine vom eigentlichen Menschenstamm abgespaltete Entartungsfrucht
von Hominiden zur Schau stellte, als tierdämonischen Typ, den die Menschheit
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
422 10 Feindbilder – Krankheitsbilder
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918