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auf ihrem Weg zu leibseelischer Selbstverwirklichung, zu apollinischen Gipfeln,
aus sich entlassen hatte. (FW 65 f.)
Juden sind in der dystopischen Welt von Basils Roman nicht die Opfer eines
wahnsinnigen Massenmordes, sondern eine ausgestorbene Spezies, die mit „Bes-
tien“ (FW 63) aus der Urzeit verglichen wird.78 Diese konsequent verfolgte Stra-
tegie des überbietenden Fortsetzens des Nationalsozialismus soll dessen ideolo-
gische Grundlagen endgültig desavouieren, was vor 1968 nicht ganz so
selbstverständlich erscheint wie heute.
In ähnlicher Weise stellt Erik von Kuehnelt-Leddihns Roman Moskau 1997
(1949) in einer Passage die Technik der Dehumanisierung des Feindes bloß. In
dieser Dystopie ist es das sowjetkommunistische Regime, das die Herrschaft
über Europa an sich reißen konnte. Die Entvölkerung Tirols durch die Sowjets
wird in satirischer Absicht – vom Tiroler Kuehnelt-Leddihn – nicht in einer
Begrifflichkeit des Genozds beschrieben, sondern in einer der Hygiene:
[N]achdem man einmal Tirol gründlich mit Chlor, Senfgas und Zyan zur Vertil-
gung der verbissen-bigotten und individualistischen Ureinwohner ‚desinfiziert‘
hatte, konnte man daraus ein Sanatoriumsland für die Tuberkulosen und Asthma-
kranken der gesamten Sowjetunion machen. (M 10)
Die zwei Seiten einer Gesundheitspolitik, die zwischen wertem und unwertem
Leben unterscheidet, werden hier mit zynischer Schärfe in den Blick gerückt.
Jedoch kritisiert Kuehnelt-Leddihns Text Inhumanität nur auf Seiten der Sow-
jetunion mit solchem Scharfblick, während er selbst Bürger und Bürgerinnen
der Sowjetunion ebenfalls dehumanisiert und als seelenlose, vom Teufel ver-
führte Wesen darstellt.
In Wenn das der Führer wüßte wird die Zweischneidigkeit des „Gesundheits-
systems“ der dystopischen Welt anhand der Strahlenforschung dargestellt, die
an menschlichem Versuchsmaterial durchgeführt wird und Heilungsmethoden
für Strahlenkranke zugänglich machen soll.
Eine Art Geheim- und Wunderkur, angeblich methodisch durchgeprobt, die die
Nachwirkungen des radioaktiven Niederschlags aufhob oder zumindest bremste.
In den UmL[Untermenschenlager]-Labors waren nach vielen Fehlschlägen An-
fangserfolge erzielt worden, so sagte man. Es sollte sogar echte Genesene geben.
Ein Triumph deutschen Forschergeistes. (FW 323)
78 Die Bilder von Urzeitechsen sind im Roman wohl nicht zufällig im Haus des ‚Erzjuden‘ zu fin-
den. Motiviert sind sie möglicherweise auch durch Basils Paläontologiestudium.
Wenn Hygiene krank macht … 423
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918