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nentwurf Augenzeuge Menschheit (1949) oder Karl Bruckners Jugendroman
Sadako will leben! (1961) auf die Praxis des Krieges selbst.82 In Geists rund 450
Manuskriptseiten langem, mit vielfältigen Standpunkten und theoretischen Posi-
tionen gespicktem Text, der an eine Vielzahl von Diskursen anschließt, fällt
jedenfalls die Gleichsetzung von Krieg bzw. Feindschaft und Krankheit auf. In
Augenzeuge Menschheit können durch eine neuartige optische Technologie fer-
ne Planeten von der Erde aus beobachtet werden, so auch der erdähnliche Pla-
net Equivat, auf dem ein heiß gewordener Kalter Krieg zwischen Eewuriten und
Sorreliten tobt. Ein Eewurit, der sich im Nahkampf mit zwei Sorreliten befindet,
klagt die Kriegssituation an:
[W]ir zogen in den Krieg wie Mücken und Bazillen, als hätten wir keine eigene
Person und keine eigene Meinung. [...] Ich sage euch: wir alle sind verloren, unse-
re ganze Welt wird untergehen in gegenseitiger Vernichtung. Die zwei Regierun-
gen unserer Halbwelten und beide Systeme sind Krankheiten, nur eine Regierung
wäre gut ...‘ (AM 234)
Die Vertreter beider Parteien haben zu diesem Zeitpunkt ihren Kampfgeist bereits
verloren und stehen knapp vor einer Atomapokalypse. Die Spaltung der Welt in
zwei Blöcke erscheint als Krankheit, die statt Bazillen Soldaten aussendet. An
anderer Stelle erklärt ein aus England stammender Professor, der eine Russin
zur Freundin hatte, bevor diese in ein zaristisches Straflager verschleppt wurde,
ebenfalls die Logik der politischen Gegnerschaft und konkret den Kalten Krieg
zur Krankheit:
Eine freundliche Hand nur mißtrauisch zu ergreifen, sie alsbald von sich zu sto-
ßen, zu schmähen und zu verraten, ist eine akute Krankheit, die jetzt die Welt
ergriffen hat, weil es eine Welt gibt, die sich unfehlbar für besitz- und freiheitsver-
antwortlich hält, und eine andere, die sich für unfehlbar sozial- und fortschritts-
verantwortlich nimmt. [...] Diese akute Krankheit ist einer chronischen entsprun-
gen [...] Es ist eine Krankheit der Völkerrunde, daß alle Völker automatisch das
gleiche Übel treiben, unter was für einer Fahne und Ideologie immer, und kein
nationales System ausgenommen: ‚Wir sind anders als ihr! [...]‘ (AM 94 f.)
Die Praxis der Definition von Fremdheit, Andersartigkeit, „[n]ationale[...] Enge“
wird hier selbst als „trauriges Erbübel“ (AM 97) bezeichnet. Der Sohn des Pro-
fessors wendet ein, es seien doch die Sowjets, die sich von der nicht-kommunis-
tischen Welt isolieren würden. Darauf antwortet der Vater: „[E]s ist kein östli-
82 Zur Verwendung des Krankheitsdiskurses in pazifistischer Absicht zur Zeit der Weltkriege vgl.
Anz: Gesund oder krank?, S. 48–50.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
428 10 Feindbilder – Krankheitsbilder
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918