Page - 431 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Image of the Page - 431 -
Text of the Page - 431 -
11 FRIEDEN, FREIHEIT, PROPAGANDA: RHETORIK IM
KALTEN KRIEG
Sprache und geteilte Welt
In Johannes Mario Simmels Lieb Vaterland magst ruhig sein (1965) spielt Wil-
helm Bräsig, Beamter im Staatssicherheitsdienst der DDR und Spezialist für
Verhöre, der sich nicht gern von politischen Systemen vereinnahmen lässt, ein
Spiel namens „ABC kommunistischer Schlagwörter“ (LV 263). Bräsig hat dafür
eigene Regeln aufgestellt. So müssen es bei jeder Runde andere ideologische
Phrasen des marxistisch-leninistischen Wortschatzes sein, die er in alphabeti-
scher Reihenfolge aufsagt. Auch die Geschwindigkeit spielt eine Rolle, sein bis-
heriger Rekord liegt bei „fünfundfünfzig Sekunden“ (LV 263):
Abweichlertum. Bürgerlicher Nationalismus. Chinesischer Bruder. Dogmatismus.
Eheweihe. Formalismus. Gleichmacherei. Herdentrieb. Innerparteiliche Demo-
kratie. Jahresplan. Kader. Leninismus. Materialismus. Neutralismus. Objektivis-
mus. Personenkult. Revolutionäre Wachsamkeit. Sektierertum. Trotzkistische
Umtriebe. Ulbricht. Volksdemokratie. Wallstreet-Bestien. Zentralkomitee. (LV
263)
Dieses Beispiel, das auf ironische Weise zentrale Begriffe des offiziellen
DDR-Wortschatzes aneinanderreiht, veranschaulicht das Spannungsfeld, dem
Sprache und Wortschatz während des Kalten Krieges unterworfen waren. Brä-
sig hätte für ‚A‘ auch „Arbeiter- und Bauernstaat“, für ‚K‘ „Konterrevolutionär“
oder für ‚S‘ „Schädling“ verwenden können. Denn es gab unzählige Begriffe
die (zumeist auch ein und dasselbe, nämlich den „Feind“ bezeichneten), die im
offiziellen Diskurs der DDR eine Rolle spielten. Die von Bräsig verwendeten
Politphrasen verdeutlichen, dass die östliche und westliche Sphäre nicht nur
durch einen sich physisch manifestierenden Eisernen Vorhang, sondern auch
durch einen „eisernen Sprach-Vorhang“1 voneinander getrennt waren. Die mit-
einander in Konkurrenz stehenden Supermächte okkupierten Territorien und
Ideologien, ebenso bestimmte Wörter, Phrasen und Begriffe, die ihre ideologi-
schen Positionen bezeichnen sollten. Der Kalte Krieg war, wie zahlreiche Unter-
1 Hellmut Kotschenreuther: Der eiserne Sprach-Vorhang: Anmerkungen zum ostdeutschen
Duden. In: Forvm 5 (1958) H. 53, S. 187.
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918