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suchungen feststellen, die sich mit dem Aspekt von spezifischen Rhetoriken in
bzw. von Ost und West befasst haben, auch ein „rhetorischer Krieg, ein Krieg,
der mit Worten, Reden, Pamphleten, öffentlicher Information oder Desinfor-
mation, Kampagnen, Slogans, Gesten und symbolischen Aktionen“2 geführt
wurde. Worte, Bilder und Symbole avancierten zu Waffen im Kalten Krieg.
Dementsprechend ging eine Instrumentalisierung der Sprache für die jeweili-
gen politisch-ideologischen Ziele der Supermächte einher, die von den zeitge-
nössischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern erkannt, kritisiert, parodiert
oder – sofern sie sich selbst aktiv an der Kalten-Kriegs-Propaganda auf einer
der beiden Seiten beteiligten – eben auch affirmativ reproduziert wurde. Dar-
über hinaus waren die miteinander in Konkurrenz stehenden Gesellschaftssys-
teme sprachlich insofern produktiv, als sie neue Begriffe und Wörter hervor-
brachten. Der Begriff „Kalter Krieg“ selbst ist eine rhetorische Konstruktion,
die in der Sowjetunion nicht verwendet wurde, weil sie dem Westen zugeschrie-
ben wurde3 und darüber hinaus ein Oxymoron, denkt man an die Gebiete jen-
seits von Mitteleuropa wie Korea, Vietnam und Afghanistan, wo der Krieg auch
„heiß“ war und nicht mehr mit Worten, sondern mit Schusswaffen, Bomben
und Raketen geführt wurde.4
Die Teilung der Welt in sprachlicher Hinsicht wurde im deutschsprachigen
Raum auch daran deutlich, dass der Duden, das bedeutendste Wörterbuch der
deutschen Sprache, während des Kalten Kriegs in einer Ost- und einer West-Fas-
sung erschien,5 woran deutlich wird, dass der „war of words“ nicht nur die
politische Sprache, sondern auch die Alltagssprache betraf. Walter Ulbricht, in
seiner Funktion als Erster Sekretär des ZK der SED der mächtigste DDR-Politi-
2 Vgl. Martin J. Medhurst (Hg.): Cold War Rhetoric. Strategy, Metaphor, and Ideology. East Lan-
sing/Michigan: State Univ. Press 1997, S.
XIV: „a rhetorical war, a war fought with words, spe-
eches, pamphlets, public information (or disinformation), campaigns, slogans, gestures [and]
symbolic actions“.Vgl. auch z.B. Alan Nadel: Containment Culture. American Narratives, Post-
modernism, and the Atomic Age. Durham, London: Duke Univ. Press 1995, 14
f. Cornis-Pope:
Narrative Innovation and Cultural Rewriting in the Cold War and after, S. 2.
3 Der Vorsitzende des Ministerrates der UdSSR Georgi Malenkow erklärte in einer Rede am 12.
März 1954: „Es ist nicht wahr, daß die Menschheit vor einer Alternative steht: einem neuen
Weltkrieg einerseits, dem sogenannten Kalten Krieg andererseits
… Die Sowjetregierung lehnt
den Kalten Krieg entschieden ab, weil diese Politik die Politik der Vorbereitung eines neuen
Weltkriegs ist, der angesichts der modernern Waffen das Ende der Weltbevölkerung bedeutet.“
(12. März 1954) vgl. Subok, Pleschakow: Der Kreml im Kalten Krieg, S. 200.
4 Martin J. Medhurst: Introduction. The Rhetorical Construction of History. In: Ders. (Hg.):
Critical Reflections On the Cold War: Linking Rhetoric and History. College Station: Texas A
& M Univ. Press 2000, S. 3–19.
5 Andrea Scheid: Das sprachliche Ost-West-Problem in den Dudenausgaben. In: Klaus Siewert
(Hg.): Vor dem Karren der Ideologie. DDR-Deutsch und Deutsch in der DDR. Münster [u.a.]:
Waxmann 2004, S. 267–279.
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432 11 Frieden, Freiheit, Propaganda: Rhetorik im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918