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Der „Kampf“ um die Freiheit
Der Kampfbegriff, dessen sich der Westen bediente, um die Sowjetunion als den
Hort von Unterdrückung und Antiindividualismus darzustellen, war „Freiheit“.
Bereits Viktor Kravchenko, der 1943 im Dienst der Sowjetunion als Direktor der
Abteilung Kriegsrüstung der UdSSR nach Washington ging und ein Jahr später
zum Westen überlief, gab seinem autobiographischen Bericht, einem Bestseller
im Kalten Krieg, den Titel I choose Freedom (1946; dt. 1947: Ich wählte die Frei-
heit). Das zentrale und integrative Konzept „Freiheit“ bezeugt auch Arthur Koest-
lers Parole „Freunde, die Freiheit hat die Offensive ergriffen“33 auf dem „Kon-
gress für kulturelle Freiheit“ (CCF) 1950 in Berlin, nachdem das „Manifest für
freie Menschen“ verlesen worden war. Die Gründung des CCF ging auch auf die
Bestrebungen westlicher Akteure zurück, der Propaganda der zahlreichen „Frie-
denskongresse“, die von den Kommunisten und deren Sympathisanten domi-
niert wurden, kritische Positionen entgegenzusetzen. Das gemeinsam mit dem
Schriftsteller Manès Sperber34 verfasste Manifest bestimmte „Freiheit“ zum zen-
tralen Wert, indem es die Restriktionen des Ostens zur Negativfolie für die Frei-
heiten des Westens machte und damit „heterodoxe Entwicklungen innerhalb
des Marxismus“35 aufgriff. Das Manifest dekuvrierte auch die kommunistischen
Friedenskongresse:
Die Geschichte lehrt, daß man Kriege unter jedem beliebigen Schlagwort vor-
bereiten und führen kann, auch unter dem Schlagwort des Friedens. ‚Friedens-
kampagnen‘, hinter denen kein Beweis eines echten Friedenswillens steht, glei-
chen dem Papiergeld einer ungedeckten Währung. Die Welt wird erst dann geistig
gesunden und ihre Sicherheit wiederfinden, wenn dieses Falschgeld des Friedens
nicht mehr für bare Münze genommen wird.36
33 Vgl. Hochgeschwender: Freiheit in der Offensive, S. 245.
34 Manès Sperber merkt in einem Memorandum bezüglich des ersten CCF, das sich in seinem
Nachlass erhalten hat, an, dass die „Freiheit“, die hier akzentuiert wurde, sich nicht nur gegen
die Sowjetunion, sondern auch gegen den Faschismus sowie das autoritäre Regime eines Joseph
McCarthy richtete: „Yet, the Congress kept away from any manichean position. We fought in
the same time every brand of fascism as well as reactionary authoritarian regimes and McCart-
hism and its likes. This we had to do in order to defend the freedom for everyone and particu-
larly the freedom of the intellectual to search the truth, which involves his duty to spread it as
far as possible and fight for it if it is endangered.“ zit. n. Marcus
G. Patka, Mirjana Stančić (Hg.):
Die Analyse der Tyrannis. Manès Sperber 1905–1984. Wien: Holzhausen 2005, S. 118.
35 Hochgeschwender: Freiheit in der Offensive, S. 176.
36 N.N.: Manifest. In: Der Monat 3 (1950) H. 22/23, S. 482.
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442 11 Frieden, Freiheit, Propaganda: Rhetorik im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918