Page - 446 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Image of the Page - 446 -
Text of the Page - 446 -
Merz/Qualtinger lassen ihre Österreicher-Figuren sich selbst entlarven. Als
es darauf ankommt zu erklären, was ihr „freies“ Land vom kommunistischen
Osten tatsächlich unterscheidet, bringen sie nur hohle Phrasen zustande, die
ihre politische Naivität und ihre Selbstzufriedenheit deutlich machen. Ein „Gast“
beim Heurigen kommt nicht über die ebenso simple wie abstrakte Formel hin-
aus, dass man „mit dem Herzen“ verstehen müsse, was Demokratie sei und dass
Freiheit „stärker und dauerhafter [ist] als alles, was eine Diktatur je zu bieten
hat“. (GF 255) Solche Argumente der Österreicher können Peter schlussendlich
nicht von den Vorteilen der Demokratie überzeugen und er beschließt, im Osten
zu bleiben.
Propaganda in Ost und West
„Ihr dreht das Wort im Mund / eh’s noch gesprochen ist; es klingt so glatt und
rund, / weil’s längst gebrochen ist. / Wenn ihr den Krieg beklagt, / ist’s nur ein
Wort, / und wenn ihr Frieden sagt, / dann meint ihr Mord.“43 Was Reinhard
Federmann in seinem Gedicht Verbeugung nach links (1953) kritisiert, ist die
Propaganda, derer sich die Sowjetunion oder die kommunistischen Parteien
bedienten, um außenpolitische Ziele zu verwirklichen. Er zielt dabei insbeson-
dere auf die kommunistische Friedenspropaganda, die bereits beschrieben wur-
de. Aus der Perspektive der Kommunikationstheorie bildet Propaganda eine
besondere Form der Massenkommunikation, die „nicht informieren oder argu-
mentieren, sondern überreden oder überzeugen möchte“, wozu sie sich einer
„symbolisch aufgeladenen (Bild)Sprache“ bedient, welche die Wirklichkeit in
verzerrter Art und Weise zur Darstellung bringt. Dadurch wird beim Empfän-
ger eine „bestimmte Wahrnehmung von Ereignissen oder Meinungen“ ausge-
löst.44 Propaganda wird stets symbolisch oder medial vermittelt, folgt vordefi-
nierten politischen Zielen und ist auf ein Mediensystem angewiesen, das die
Verbreitung ihrer Botschaften erlaubt. Die Aufgabe dieses Mediensystems besteht
darin, Sachverhalte und Informationen in eine „ideologiegeladene Weltsicht“45
einzubetten.
Der Ich-Erzähler von Reinhard Federmanns Das Himmelreich der Lügner
(1959) ist ein Rädchen, das die mehr oder weniger komplexe sowjetische Pro-
pagandamaschinerie mit antreibt. Bruno Schindler, der im Zweiten Weltkrieg
auf Seiten der Sowjetunion als Frontpropagandist aktiv gewesen war, ist an den
Kämpfen um Wien im Frühjahr 1945 beteiligt und wird nach Kriegsende ins
43 Federmann: Verbeugung nach links, S. 97.
44 Thymian Bussemer: Propaganda. Konzepte und Theorien. 2., überarb. Aufl. Wiesbaden: VS
Verl. f. Sozialwissenschaften 2008, S. 12 f.
45 Ebd., S. 13.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
446 11 Frieden, Freiheit, Propaganda: Rhetorik im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918