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Wiener Pressehaus in der Nähe des Franz-Josephs-Kais kommandiert, wo er
„theoretisch als Verbindungsmann zwischen den Einheimischen und den rus-
sischen Offizieren, die als Herausgeber fungierten, praktisch als Mädchen für
alles“ (HL 373) arbeiten soll: „Hier hatten die Nazis ihre Zeitungen gedruckt,
jetzt liefen die Maschinen für die Zeitung der Roten Armee.“ (HL 372 f.)
Die Wochenzeitung „Sonntag“, die Schindler gemeinsam mit Kollegen als
Chefredakteur herausgibt und die „von Kurzgeschichten und Reportagen“ (HL
423) lebt, die er Klassikern des Genres wie Guy du Maupassant, Anton Tsche-
chow, Karl Čapek und Egon Erwin Kisch entnimmt, gibt dem Blatt den Anschein
eines Unterhaltungsmagazins. Dies ist jedoch nur Fassade, denn die eigentliche
Wirkung der Wochenzeitung liegt auf einer ganz anderen, politisch-ideologi-
schen Linie. Die Aufgabe des „Sonntag“ ist es, „Kleinbürger, Hausfrauen und
Jugendliche unter der Hand dem Willen der Partei aufzuschließen, der Kom-
munistischen Partei Österreichs nämlich“. (ebd.) Dies ist für Schindler zunächst
eine verantwortungsvolle Aufgabe, was er sich „selbst eine Weile einzureden“
versucht, „so lange, bis Ekel alle anderen Gefühle verdrängte“ (ebd.). Er sieht
sich durch diese Tätigkeit degradiert, da er zunächst noch für die Zeitung der
Roten Armee als Redakteur gearbeitet hatte, die sich wichtigerer politischer
Sachverhalte annahm. Schindler vermutet, dass seine Degradierung aufgrund
eines nicht den Propagandarichtlinien entsprechenden Artikels erfolgte, in dem
er einen sozialdemokratischen Funktionär attackieren hätte sollen (vgl. HL 424).
Die Sätze, die ihm „dabei ausrutschten, wirkten in den Spalten der Armeezei-
tung wie schlaffe Zivilisten in einer Marschkolonne“ (ebd.). Die Innenansicht
der sowjetischen Propagandamaschinerie in Himmelreich der Lügner sieht deren
elementare Aufgabe darin, „die Wirklichkeit so zu verdrehen, daß es dennoch
plausibel wirkte“ (HL 477), wie Schindler meint.
Das von Schindler so genannte ‚Aufschließen‘ einer gewissen Zielgruppe ist
ein Propagandakonzept, welches im Kalten Krieg besonders oft Anwendung
fand und betraf die Infiltration mit kulturellen Mitteln. Im besetzten Österreich
zwischen 1945 und 1955 erlangten im „Krieg der Worte“ insbesondere die Radio-
sender der Besatzungsmächte und Printmedien wie der Wiener Kurier und
die Österreichische Zeitung zentrale Bedeutung, da sie als Sprachrohr der
amerikanischen bzw. sowjetischen militärischen Oberkommandierenden fun-
gierten. Freilich lässt sich an der österreichischen Literatur des Kalten Krieges
zeigen, dass die Propaganda der Supermächte, egal ob sie nun von Ost oder West
ausgeht, von den auftretenden bzw. in die Propagandamaschinerie involvierten
Figuren äußerst negativ bewertet wird. Der Ich-Erzähler Jacques Willert kriti-
siert in Wechsbergs Der Stalinist die Sympathisanten der Kommunisten, die an
den Friedenskongressen teilnehmen und nicht nur die sowjetische Propaganda
willig absorbieren, sondern auch zu deren Verbreitung beitragen. Willert bemerkt,
dass „die begeisterten Besucher“ der Friedenskongresse, die „Bündel von hübsch
Propaganda in Ost und West 447
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918