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gedruckten Broschüren unter die Arme geklemmt“ haben, die „voll waren mit
prächtigen Photos und zukunftsträchtigen Statistiken“ und nach ihrer Rückkehr
im Westen „jedermann von dem wunderbaren Leben im Arbeiterparadies“ (ST
248) erzählen (vgl. Kapitel 2: Reisen ins Rote).
Die Folgen der Propaganda vermeint Willert bei einem Besuch in seinem
Heimatland, das nun eine „Volksdemokratie“ ist, am eigenen Leib zu spüren. In
der Stadt seiner Jugend sind die Straßen nun „schummrig“ und unbeleuchtet,
früher waren sie „strahlend erleuchtet gewesen, eine breite Allee der feinen
Lebensart“ (ST 201) mit zahlreichen Schaufenstern der „Kleidergeschäfte, Hut-
macher, Juweliere und Buchhandlungen“ (ebd.). Diese Lebensqualität ist ver-
schwunden, stattdessen prägt Propaganda das Stadtbild: „Die Plakate mit den
Friedenssprüchen und den stark vergrößerten Photos der kommunistischen
Machthaber, die nicht in diese vertraute Umgebung zu passen schienen […]“
(ST 200) und die Dauerbeschallung mit Liedern und Reden von Parteimitglie-
dern aus den Lautsprechern: „Draußen plärrten die Lautsprecher ihre russischen
Lieder. Gruppen von kleinen Jungen und Mädchen zogen vorüber, schwenkten
blaue Wimpel mit weißen Friedenstauben und schrien mit ihrer dünnen Kin-
derstimme: ‚Frieden und Freundschaft!‘“ (ST 246)
Die Bürger der „Volksdemokratie“ scheinen Willert in einem „Schnecken-
haus“ (ST 247) zu wohnen und er vergleicht sie mit den „drei Affen“: „Mund zu,
Ohren zu, Augen zu“ (ebd.). Der ständigen Propaganda ausgesetzt, glaubt Wil-
lert, dass er bald „so apathisch sein [wird] wie die Leute hier, die den Lärm nicht
mehr hörten“ (ST 246). Die Folgen der kontinuierlichen Propaganda auf die
Menschen hinter dem Eisernen Vorhang werden in Form klischeehafter Bilder
imaginiert. Zwar erreichte die ständige Repetition der ewig gleichen Propag-
andabotschaften in den 1940er- und 1950er-Jahren in den „Volksdemokratien“
ihren Höhepunkt, jedoch betonen neuere Forschungen, dass sich über die Rezep-
tion von Propaganda in der Sowjetunion keine repräsentativen Aussagen treffen
lassen, weswegen sich eine „Geschichte der öffentlichen Meinung unter stalinis-
tischer Herrschaft“46 nicht schreiben lässt. Wechsbergs Text evoziert stereoty-
pe Bilder einer stummen und gefügigen Masse, die der rhetorischen Hilflosig-
keit eines Regimes ausgesetzt ist, das „nur starre Kommunikationsformen“
kannte.47 Er bedient dabei in seiner Darstellung des Ostblocks vor allem ideo-
logische Gemeinplätze und antikommunistische Schemata.
Aber nicht nur in den Satellitenstaaten der Sowjetunion stand Propaganda
auf der Tagesordnung, auch in den besetzten Ländern wirkte sie auf die Bevöl-
kerung. Dies thematisiert Fritz Habeck in seinem Roman Das zerbrochene Drei-
46 Jan C. Behrends: Die erfundene Freundschaft. Propaganda für die Sowjetunion in Polen und
in der DDR. Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2006, S. 27.
47 Ebd., S. 26.
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448 11 Frieden, Freiheit, Propaganda: Rhetorik im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918