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Verrat (1950) und Die Brücken von Breisau (1952) sowie Franz Kains Romeo und
Julia an der Bernauer Straße (1955) sind als kommunistische Propagandatexte
verfasst und auch als solche rezipiert worden. Von den Autorinnen und Autoren
mit einer klaren ideologischen Intention entworfen, bedienen sie sich bei der
Umsetzung unterschiedlicher literarischer Mittel. Während die Texte von Katz
und Lazar auf ein jüngeres Publikum ausgerichtet sind und dieses von der Über-
legenheit der UdSSR überzeugen wollen, richten sich Fischers Propagandadra-
men an Rezipierende, die nicht mehr überzeugt werden müssen, sondern viel-
mehr schon auf der richtigen Seite stehen und nun zu einer linientreuen
Interpretation aktueller politischer Ereignisse geführt werden sollen. Auch die
Erzählung Kains, eine sehr freie Adaptierung des Romeo-und-Julia-Stoffes, illus-
triert und inszeniert die ideologischen, oft banalen Prämissen der Vorrangstel-
lung gegenüber dem Westen und richtet sich an kommunistische Leserinnen
und Leser, deren „Wir-Gefühl“ gestärkt werden sollte.
Fischers Stück Der große Verrat58 erscheint als literarisierte Form eines kommu-
nistischen Leitartikels, wobei es dem Autor gelingt, das Geschehen, dessen histo-
risches Bezugsfeld die Abkehr Josip Broz Titos von Moskau um 1948/49 und die
Bestrebungen Jugoslawiens um Unabhängigkeit bilden, in einigen einprägsamen
Bildern effektvoll darzustellen (vgl. Kapitel
10: Krankheit). Das Stück wurde nicht
nur am kommunistischen „Theater in der Scala“ in Wien aufgeführt, sondern auch
auf Bühnen der DDR. Retrospektiv hat Fischer in seiner Autobiographie davon
gesprochen, dass „die eigene Verwandlung durch den Kalten Krieg, dessen
Umschwung in den heißen ich befürchtete“59, ausschlaggebend für die Genese des
Stücks gewesen wäre. Zur Charakterisierung des an Tito angelehnten kommunis-
tischen Diktators Malabranca greift Fischer auf eines der wichtigsten Ideologeme
der Nachkriegszeit, nämlich Andrej Schdanows „Zwei-Lager-Theorie“ zurück, um
zu verdeutlichen, dass die Position Malabrancas vulgo Titos, falsch ist:
Er teilt die Welt in drei Teile. Der eine Teil, hunderte Millionen Menschen, hier,
im Lager des Sozialismus, der andre Teil, Staaten, Banken, Parteien, dort, im Lager
des Imperialismus. Und der dritte Teil, das ist er, Seine Majestät der Übermensch.
(GV 31)
dem Titel […] unbedingt ein Untertitel kommen: „Eine Geschichte aus dem Jahre 1934“. Mei-
ne Informationen über Amerika selbst stammen aus den Krisenjahren 1933/34, und wenn
heute ein derartiges Buch aufgelegt wird, muss man unbedingt betonen, dass es sich um ein
altes Buch handelt, da man ja nach dem, was unter Hitler vorgekommen ist, in einem neuen
Buch nicht gerade mit dem Pogrom von Kischinew kommen kann.“ [Lazar] Augusta Wieg-
hardt an den Globus-Verlag, Brief v. 7.6.1948, Alfred Klahr Gesellschaft, Wien.
58 Ernst Fischer: Der große Verrat. Ein politisches Drama in fünf Akten [UA: 13.4.1950, Scala].
Wien: Globus 1950 [Im Folgenden abgek. mit GV].
59 Fischer: Das Ende einer Illusion, S. 268.
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454 11 Frieden, Freiheit, Propaganda: Rhetorik im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918