Page - 458 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Image of the Page - 458 -
Text of the Page - 458 -
tartig als höchst egoistische Figur beschrieben, die um ihre Profite zu maximie-
ren, immer wieder Arbeiterinnen entlässt, da sich für ihn nur die Frage stellt:
„Du oder ich. Und Georg Krenek war für das Ich“ (HB 55).
Speziell an einer Nebenhandlung des Romans wird dessen propagandistisches
Kompositionsprinzip deutlich: die Figur des jungen Arbeiters Karl Berger, der
am Wiederaufbau des titelgebenden Hauses mitarbeitet, wird bei dessen Zusam-
menbruch – es werden billige und unzulängliche Baumaterialien verwendet –
schwer verletzt. Die Arbeiterin und überzeugte Kommunistin Franzi Prohaska
erhebt Karl, der letztlich seinen Verletzungen erliegt, zum klassenkämpferischen
Symbol, das als politische Mahnung dienen soll: „Das hat die kapitalistische
Wirtschaft, das hat die Profitgier aus einem jungen, gesunden Menschen gemacht“
(HB 181).
Parodie des kommunistischen Jargons
Was Arthur Koestler in seiner Autobiographie über den Einfluss des kommu-
nistischen Parteijargons geäußert hat, dass dieser sukzessive seinen Sprachschatz,
seine Grammatik sowie Syntax verändert habe und er „alle Originalität des Den-
kens und jede individuelle Ausdrucksform“67 zu vermeiden suchte, führt Robert
Neumann anhand der Figuren in seinem Roman Die Puppen von Poshansk
(zunächst Insurrection in Poshansk, 1952) vor, die ein ideologisch überfrachte-
tes, offiziöses sowjetisches Idiom sprechen. Der Roman ist der letzte einer Rei-
he von Texten, die Neumann in englischer Sprache verfasst hat. Die Handlung
entfaltet sich entlang eines Aufstands, den die Gefangenen eines sibirischen
Straflagers in dem fiktiven Ort Poshansk vergeblich durchzuführen versuchen.
Inmitten dieser Ereignisse fällt der Besuch des amerikanischen Präsidentschafts-
kandidaten Walter M. Watkins, den eine „Good-Will-Tour“ im Rahmen des
„Land-Lease“-Vertrags zwischen den USA und der UdSSR dort hingeführt hat.
Neumann dient der Handlungsverlauf dazu, nicht nur das totalitäre Regime mit
seinen Denunziationen und Überwachungen, sondern auch die „Blindheit“ des
Westens gegenüber den repressiven Zuständen in der Sowjetunion sowie dessen
Überheblichkeit zu thematisieren (vgl. Kapitel 6: Gulag-Literatur).
Der Roman führt, wie der ehemalige, während einer „Säuberung“ der politi-
schen Kader in Ungnade gefallene und ins Exil verbannte Toboggen formuliert,
in den „Hinterhof, nicht die beflaggte Fassade“ (PP 269 f.) der sowjetischen
Wirklichkeit. Um diese Wirklichkeit darzustellen, parodiert Neumann „die Reden,
Gespräche und Gedanken sowjetischer Wirtschafts-, Kultur- und Polizeifunk-
67 Arthur Koestler: Frühe Empörung. Autobiographische Schriften, Bd. 1. Berlin [u. a.]: Limes
Verlag 1993, S. 320 f., zit. n. Patka, Stančić (Hg.): Die Analyse der Tyrannis, S. 50 f.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
458 11 Frieden, Freiheit, Propaganda: Rhetorik im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918