Web-Books
in the Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Geschichte
Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Page - 459 -
  • User
  • Version
    • full version
    • text only version
  • Language
    • Deutsch - German
    • English

Page - 459 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur

Image of the Page - 459 -

Image of the Page - 459 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur

Text of the Page - 459 -

tionäre, Flinten- und Eheweiber“68. Ähnlich George Orwells Nineteen Eigthy- Four rückt Neumann die „gewaltsame Umwandlung der gewöhnlichen Sprache durch Ideologie in den Blickpunkt“,69 die sich in einem „Neusprech“ („news- peak“) äußert. Von Beginn an konstruiert der Roman eine „Kluft zwischen sowjetischer Rhetorik und sowjetischer Realität“,70 so umfasst der „Stalin-Boulevard“ von Poshansk nur etwa ein Dutzend Häuser, während der sogenannte „Bahnhof“ nur ein Holzschuppen ist und das „Krankenhaus“ verfügt über kein medizini- sches Personal. Neumanns Figuren reproduzieren ständig die durch die sowje- tische Rhetorik bedingten Feindbilder. Denn „Feinde“ bzw. „feindliche“ Denk- und Verhaltensweisen wurden im sowjetischen Sprachgebrauch nicht einfach beschimpft, sondern ihre Klassifizierung als Gegner basierte auf klaren ideolo- gischen Grundsätzen.71 Deutlich wird dies etwa an einer Stelle, in der der jun- ge Funktionär Bebitz, der Watkins von der Abteilung für Außenhandel als Beglei- ter zugewiesen wurde, von den „gegenrevolutionären Elementen und Faschisten“ (PP 65) im Westen spricht. Er mokiert sich darüber, dass diese Gerüchte über die Sowjetunion verbreiten würden, die im Zusammenhang mit Zwangsarbeit und Arbeitslagern stehen. Bebitz rationalisiert die Lager und nennt die Gerüch- te „[b]öswillige Verleumdungen“ (ebd.): „Natürlich haben wir Lager. Übertrei- bungen in bezug auf das eine oder die zwei Lager, die wir hier haben.“ (ebd.) Diese Stelle des Textes charakterisiert aber auch den Wesenszug totalitärer Spra- che, der darin besteht, die Kluft zwischen Propaganda und Realität mit einer „Doppelzüngigkeit, die der Doppelbödigkeit des Denkens“ entspricht, zu ver- bergen, indem das Wahre „zur Lüge abgestempelt“ wird, „während die Lüge zur Wahrheit erhoben wird“.72 Dass die Rhetorik menschenverachtende Dimensionen annehmen kann, zeigt sich etwa, als der Lagerkommandant Borodin berichtet, dass die Leichen, die er als „Abgang“ bezeichnet, im gefrorenen Boden begraben werden können, sodass „keine Hand, kein Fuß herausschaut“, was er allein als „die Folge proletarisch energischer Kultivierung des Bodens“ (PP 23) beschreibt. Der Wortschatz und die Redewendungen, die Neumann gebraucht, zeigen die spezifische Feindbildkonstruktion des Sozialismus und ihre Konsequenzen für das gesellschaftliche und individuelle Bewusstsein. Banalitäten werden als 68 Bächler: Puppenspiele, S. 4. 69 Stéphane Courtois (Hg.): Das Handbuch des Kommunismus. Geschichte – Ideen – Köpfe. München, Zürich: Piper 2010, S.  741–744, hier S.  741. 70 Günther Stocker: Die Puppen von Poshansk. Nachwort. In: Robert Neumann: Die Puppen von Poshansk. Wien: Milena 2012, S.  268–284, hier S.  275. 71 Schroeter, Sabina: Die Sprache der DDR im Spiegel ihrer Literatur. Studien zum DDR-typi- schen Wortschatz. Berlin, New York: de Gruyter 1994, S.  156. 72 Courtois (Hg.): Das Handbuch des Kommunismus, S. 743. Parodie des kommunistischen Jargons 459
back to the  book Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur"
Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Title
Diskurse des Kalten Krieges
Subtitle
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2017
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Size
15.9 x 24.0 cm
Pages
742
Categories
Geschichte Nach 1918
Web-Books
Library
Privacy
Imprint
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Diskurse des Kalten Krieges