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Die Reaktionen im Osten hingegen richten sich sowohl gegen die neue offi-
ziöse Kunst als auch gegen den Künstler selbst. Die offiziellen Organe der VVR
loben im Kulturteil die neue Kunst, drucken jedoch Seiten später lange Leser-
briefe ab, in denen Stimmen gegen den Kartonismus laut werden und dazu auf-
gefordert wird, „die empörende Ausstellung eines notorischen Imperialisten,
Faschisten und Kriegshetzers sofort zu schließen, die kartonistischen Figuren
und Zeichnungen zu verbrennen und Hans Uwe Hasil öffentlich zu hängen“ (K
164). Diese Praxis hatte reale Entsprechungen: Um Übertretung von Toleranz-
grenzen zu markieren, wurden in der Sowjetunion von politischer Seite einzel-
ne Werke bzw. Autoren ausgewählt, z.B. Boris Pasternak oder Alexander Sol-
schenizyn, wodurch sich „ein kompliziertes Spiel von Grenzverschiebungen, von
‚verboten‘ und ‚erlaubt‘, von ‚heimlich‘ und ‚öffentlich‘“37 ergab. Die dazugehö-
rigen Spielregeln wurden nicht öffentlich erörtert, waren aber allen Akteuren
im Feld der Kunst gegenwärtig. Als ein besonderes Mittel dazu fungierte das
Genre der Leserbriefe an Zeitschriftenredaktionen. Obwohl die literarischen
Werke von kaum jemand gelesen worden waren, da sie zumeist schwer erhält-
lich waren, wurde eine Reihe von kollektiven Leserbriefen von „Arbeitern“ ver-
öffentlicht, die in diese Kampagnen einstimmten.38 Ähnliche Stellungnahmen
bezüglich Kunstdiskussionen finden sich auch im österreichischen Tagebuch.39
Das satirische Geschehen im Kartonismus ergibt sich aus den Antagonismen
der Weltpolitik im 20. Jahrhundert. Die einander polarisierenden Blöcke ent-
behren in ihrem kulturellen Konflikt nicht der Komik, wenn sich die unter-
schiedlichen Klassifizierungen und Bewertungen der jeweiligen Kulturpolitik
am selben (Kunst-)Objekt begegnen. Für Henz ist der Antagonismus zwischen
Ost und West zweitrangig, er überschreibt diesen zugunsten des von ihm fokus-
sierten Kulturkampfes zwischen Moderne und Tradition. Henz bietet jedoch
keine Alternativen zu den modernen künstlerischen Verfahren an, die im Roman
kritisiert werden und sich zur Zeit der Veröffentlichung des Romans auch in
Österreich ohnehin bereits durchzusetzen begannen. Deswegen bleibt der Roman
mit seiner Generalkritik ebenso seltsam programmatisch wie nebulös. Die aus
37 Christine Engel: Vom Tauwetter zur Perestrojka (1953–1990). In: Klaus Städtke, Dies. (Hg.):
Russische Literaturgeschichte. 2.,
akt. u. erw. Aufl. Stuttgart, Weimar: Metzler 2011, S.
349–396,
hier S. 356.
38 Ebd.
39 Während der Kunstkritiker Johann Muschik den Werken Wassily Kandinskys durchaus aufge-
schlossen gegenübersteht (vgl. Johann Muschik: Mit einfachen Leuten vor Bildern. In: Tage-
buch
5 (1950) H.
6, 18.3.1950, S.
5), äußern sich in den Leserbriefspalten ablehnende Stimmen:
„Das arbeitende Volk hat sich die wahre Freude am Schönen bewahrt, es braucht keine auf-
geschnittenen Mißgestalten mit Wasserbäuchen und Zwergenköpfchen. Gehört das zu der rea-
listischen, sozialen Kunst, die der Kommunismus mit Recht fordert?“ Briefe an T[age]B[uch].
In: Tagebuch 5 (1950) H. 7, 1.4.1950, S. 4.
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476 12 Kunst im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918