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der Ersten in die Zweite Republik weitergetragene österreichische Antimoder-
ne, die sich angesichts des zunehmenden Erfolges progressiverer Strömungen
in die Defensive gedrängt sah, erreicht mit Henz’ Roman „ihren bizarrsten Höhe-
punkt und zugleich […] ihr Ende“.40
Kunst und Kultur als Waffe im Kalten Krieg
Mit dem „US Information and Educational Exchange Act“ von 1948, der die
Notwendigkeit einer kulturellen Erziehung und eines Informationskrieges gegen
die sowjetische Propaganda einforderte, verwandelten sich Kunst und Kultur in
veritable Waffen, die eingesetzt wurden, um in Europa ein positives Bild der
USA zu fördern.41 Wie in der bereits beschriebenen Szene in Fritz Habecks Das
zerbrochene Dreieck (1955) (vgl. Kapitel 11: Rhetorik im Kalten Krieg) erkenn-
bar wird, hat selbst die Musik ihre Funktion in der ideologischen Auseinander-
setzung. Besonders der Jazz und die amerikanische Popmusik waren einzigar-
tige Propagandainstrumente im kulturellen Kalten Krieg und konnten von jedem,
der ein Radio besaß, auf den Stationen des „American Forces Network“, wie
RIAS und Radio Free Europe, gehört werden. Dave Brubeck stattete in dem
Songtext zu Remember Who You Are (1962) den Jazz mit einer kriegerischen
Komponente aus: „[…] a weapon like no other nation has / especially the Rus-
sians can’t claim jazz“.42 Auch der britische Jazzmusiker Leonard Feather beschwor
die Wirkung dieser Musikrichtung auf den Feind:
Let Hot Jazz Melt Joe’s Iron Curtain… How about parachuting some real cool
tenor sax men and a couple of crazy trumpets into strategical Eastern European
points, to start their own Iron Curtain concert tour. Heck, we could turn the cold
war into a Cool War overnight!43
Zwar nicht in musikalischer, dafür in bildnerischer Hinsicht, ist im Kartonismus
die Vorstellung von der Kunst als einer universellen Waffe im Kalten Krieg pro-
40 Hans Haider: „Der Kartonismus“ 1965. Ende und Wende. Ein Streifzug durch die Literatur-
und Kulturpolitik der Zweiten Republik. In: Stefan Karner (Hg.): Österreich – 90 Jahre Repu-
blik. Beitragsband der Ausstellung im Parlament. Innsbruck, Wien, Bozen: Studien-Verl. 2008.
S. 421–428, hier S. 422.
41 Caute: The Dancer Defects, S. 22.
42 von Eschen: The Real Ambassadors, S. 103. Der Song „Remember Who You Are“ findet sich
auf dem Album „The Real Ambassadors“ (1962), einer Gemeinschaftsarbeit von Dave und Iola
Brubeck sowie Louis Armstrong.
43 New York Journal-American, 4.10.1952, zit. n. Wagnleitner: Die kulturelle Reorientierung
Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg, S. 338.
Kunst und Kultur als Waffe im Kalten Krieg 477
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918