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minent vertreten. Hasil, der unter Androhung der Exekution innerhalb von
wenigen Tagen eine neue Kunstform erfinden muss, reflektiert darüber, ob die
freie Welt denn aufschreien würde, wenn die „VVR-Polizei einem modernen
Künstler auf die Zehen tritt“ (K 111) und fragt sich, ob „die Avantgardisten in
Paris, Rom und New York auch nur ihre kleinen Finger rühren“ (ebd.) oder die
„Liga für Menschenrechte“ und der Internationale PEN-Club eine Protestnote
an den Präsidenten der Vollkommenen Volksrepublik schicken würde, sollte
dies der Fall sein: „Gehört die Kunst nicht längst zum Arsenal des kalten Krie-
ges? Rangiert sie dabei noch unter den ‚konventionellen Waffen?‘“ (K 112) 1960
hatte der Internationale PEN-Club tatsächlich ein neu begründetes Writers in
Prison Committee begründet, welches sich verstärkt der Problematik inhaftier-
ter Autorinnen und Autoren in der DDR widmete, damit organisierte Proteste
oder Maßnahmen erfolgen konnten.44 Hasil ist sich dessen bewusst, dass das
„Z.K. [d.h. Zentralkomitee, Anm. d. Verf.] oder der General oder eine anonyme
Macht, ein kleiner, ein Überfunktionär, mich armen Wurm an die Front des kal-
ten Krieges zwingen würde“. (ebd.)
Dass nicht nur Kunstwerke abstrakter Provenienz, sondern auch Bücher und
Magazine mit potentieller politischer Sprengkraft in der politischen Kriegsfüh-
rung der USA gegen den Kreml verwendet wurden, um den Eisernen Vorhang
zu penetrieren, zeigt die Tätigkeit von George C. Minden, dem Chef der „Free
European Press“, der ein Buchversandprogramm für die Sowjetunion konzipier-
te. Minden stützte sich hierbei auf Bücher und Printmedien, die das östliche
Verständnis für westliche Werte fördern sollten und sandte Übersetzungen von
Texten, die in der Sowjetunion nicht zugänglich waren, wie A Portrait of the
Artist as a Young Man (1916) von James Joyce, Pnin (1957) von Vladimir Nabo-
kov, Animal Farm (1945) von George Orwell oder Robert Conquests Buch The
Great Terror (1968) über die stalinistischen Säuberungen der 1930er-Jahre in
Übersetzung an osteuropäische Intellektuelle.45 Interessant ist an dieser Zusam-
menstellung, dass man Joyce ebenso viel politische Sprengkraft zutraute wie
Conquest.
Die ‚waffenfähige‘ Komponente von Literatur haben auch Milo Dor und Rein-
hard Federmann betont, die sich in einem Artikel mit dem Titel „Bücher als
Waffen gegen totalitäre Bedrohung“ Texten wie Ruth Fischers Stalin und der
deutsche Kommunismus (1948), Victor Serges Die große Ernüchterung (1948)
oder Constantin Virgil Gheorghius 25 Uhr (1951) widmen.46
44 Vgl. Sven Hanuschek: Geschichte des bundesdeutschen PEN-Zentrums von 1951 bis 1990.
Tübingen: Niemeyer 2004, S. 197–202.
45 Vgl. Schwartz: Political Warfare against the Kremlin, S. 197 f.
46 Fedor: Das andere Deutschland. Bücher als Waffen gegen totalitäre Bedrohung. In: Arbei-
ter-Zeitung, 12.8.1951, S. 6.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
478 12 Kunst im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918