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ten hierbei eine zentrale Rolle. Ab 1952 operierte das Internationale Programm
des Museum of Modern Art in New York, das moderne amerikanische Kunst
nach Westeuropa exportierte. Ein erklärtes Ziel dieses Programms war es, den
europäischen Künstlern „einen Gegenpol zu dem durch den Totalitarismus vor-
herrschenden dominanten realistischen Malstil“59 zu bieten.
Wenn der Kunstimport von hinter dem Eisernen Vorhang kam, gab es im Wes-
ten freilich auch klar ablehnende Stimmen. Hans Weigel, der in den 1950er-Jah-
ren u. a. gemeinsam mit Reinhard Federmann eine „Gesellschaft für die Freiheit
der Kultur“ gegründet hatte,60 sah im kulturellen Austausch, wie er mit der von
Nikita Chruschtschow propagierten „friedlichen Koexistenz“ während des „Tau-
wetters“ einherging, eine Bedrohung, die mit ökonomischen Faktoren zusam-
menhing und die sich direkt über das kulturelle Feld ankündigte:
Jede im Westen angekaufte östliche Schallplatte, jedes im Westen angekaufte öst-
liche Buch, jede Eintrittskarte zu einem Ostblockfilm, einer Brecht-Aufführung,
einem Gastspiel aus dem Osten, alle Entgelte für die Manifestationen der Koexis-
tenz fließen direkt oder indirekt einem Wirtschaftssystem zu, das seine Mittel für
den militärischen, ideologischen und wirtschaftlichen Kampf gegen uns einsetzt.61
Eine solche Instrumentalisierung des Kunstexports für propagandistische Zwe-
cke wird den Kommunisten auch im Kartonismus in ganz ähnlichen Worten
unterstellt. Im Gespräch mit einem Attaché seines Heimatlandes erfährt Hasil,
dass der Expansionismus der VVR auf kulturellem Gebiet und die Tolerierung
der avantgardistischen „Kartonistik“ eine Doppelfunktion erfüllt: „Jede in einem
ausländischen Museum zur Schau gestellte kartonistische Plastik sei dabei eine
unbezahlte und bezahlbare Reklame für das VVR-System.“ (K 179)
Worum es der VVR jedoch mit ihrem Plan, die kulturelle Überlegenheit im
Kalten Krieg zu erringen, neben einem beträchtlichen Prestigegewinn letztend-
lich geht, sind Devisen, die mit dem Verkauf der Schachtelplastiken erworben
werden und die damit verbundenen ökonomischen Vorteile (vgl. K 179). So ent-
puppt sich das Zugeständnis der VVR-Kulturpolitik an moderne Kunstrichtun-
gen und Avantgardismen als ein Aspekt der volksdemokratischen Wirtschaft
und ist nur ein weiterer Schachzug einer totalitären Kulturpolitik, die die Frei-
heit der Kunst zwar apostrophiert, diese jedoch eigentlich nach ihrem Willen
lenkt. Der Volksdemokratie kommen hier die Käufer aus dem „imperialistischen
Westen“ gerade recht, wie ein VVR-General betont. Denn wenn genug Devisen
59 Hainzl: Abstraktion und Kalter Krieg, S. 11.
60 Vgl. Fritz Keller, Elisabeth Hirt: Die CIA als Mäzen. Oder: Wie autonom ist autonome Kunst?
In: Zeitgeschichte 13 (1985/1986) H. 9/10, S. 311–318.
61 Weigel: Erst: ko – dann: ex!, S. 6.
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482 12 Kunst im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918