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Auch wenn Horns Beschuldigung bezüglich Dor und Federmann, die zwar
in einem Naheverhältnis zum CCF standen, jedoch keine offiziellen Funktionen
ausübten, übertrieben ist, war Wien tatsächlich ein Tummelplatz der internati-
onalen Geheimdienste. Bekannt ist, dass der bildende Künstler Charles von Rip-
per, der 1949 als Austauschdozent für Kunstgeschichte nach Wien kam, tatsäch-
lich ein CIA-Agent war, der an der Organisation des Internationalen College in
Alpbach (Tirol) und am CCF beteiligt war,87 das Forschungsinstitut für Euro-
päische Gegenwartskunde leitete und auch am CCF in Paris 1952 referierte.88
Ripper organisierte 1950 eine Ausstellung moderner Kunst für die Akademie
der bildenden Künste und bestimmte, wer Stipendien für Studienreisen in die
USA erhalten sollte. Er hatte engen Kontakt mit Persönlichkeiten aus Kunst und
Kultur und gehörte dem Freundeskreis um Fritz Molden an, der wiederum mit
der Tochter des US-Geheimdienstchefs Allen Dulles verheiratet war. Ripper ver-
suchte auch den ÖVP-Politiker Rudolf Schwaiger für den CIC zu rekrutieren,
mit demselben Argument, das auch Leo Leitner bei der fiktiven Rekrutierung
Ferdinands gebraucht, nämlich Österreich nicht den „roten Horden des Welt-
kommunismus“89 in die Hände fallen zu lassen.
Die Figur des Künstlers im Spannungsfeld des Kalten Krieges stellt Ulrich
Becher in kurz nach 4 (1957) ins Zentrum der Handlung. Hier wird der Maler
Franz Zborowsky, ehemaliger Spanienkämpfer, Häftling des KZs Mauthausen
und Mitglied der Tito-Partisanen, im Wien der Nachkriegszeit als Professor für
Graphik an der Akademie der bildenden Künste von drei der vier Besatzungs-
mächte gefördert, auch wenn die sowjetischen Kulturoffiziere seinen „‚kosmo-
politischen Formalismus‘ bekrittelten [und] [s]eine[m] ‚zeitweilig bis ins Mys-
tische ausartenden Pessimismus‘ […] mit etwas wie mißbilligendem Wohlwollen“
begegnen. (KV 59) Dagegen wird er von den amerikanischen Besatzungsmäch-
ten offen boykottiert. So diffamieren vor allem jüdisch-bürgerliche Wiener Intel-
lektuelle, die aus dem (westlichen) Exil nach Österreich zurückgekehrt sind,
Zborowsky als Kommunisten. Hinter diesen „Karl-Kräuse[n]-in-der-Westenta-
sche“ (KV 118), wie Zborowsky sie nennt, lassen sich unschwer Friedrich Tor-
berg und Hans Weigel erkennen, die bei ihren Denunziationen auch vor Bertolt
Brecht und Thomas Mann nicht halt machten:
Journalisten, die als Redakteure kleiner Emigrantenblätter dahinvegetiert hatten,
sie alle nun, den toten Präsidenten Roosevelt verlästernd, gar des Jahrhunderts
87 Auf dem Europäischen Forum Alpbach, der intellektuellen Kaderschmiede der Kalten Krieger,
hielt Ripper auch den programmatischen Vortrag „Die Evolution von der realistischen zur
neorealistischen Darstellung der Natur in der Gegenwartskunst und die Entwicklung der Rei-
nen Abstrakten Kunst“. Vgl. Habarta: Frühere Verhältnisse, S. 214 f.
88 Vgl. Ebd.
89 Ebd. Künstler als Spione, Spitzel und Fellowtraveller 491
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918