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Friedens“93 als Fellowtraveller denunziert. Als Mann 1952 in Salzburg einen
Vortrag über das Thema „Der Künstler in der Gesellschaft“ hielt und auf den
„großen Ideengehalt des Kommunismus“ hinwies, hielt ihm Torberg vor, dass
er „über die Ideenschönheit die schreckliche Realität des Terrorregimes überse-
he“.94
In Bechers Roman begegnet Zborowsky den Denunziationen mit polemischer
Schärfe, die sich gegen beide Seiten im Kalten Krieg richtet: „Weißt, was ich auf
deren Getratsch erwider? ‚Fragt’s am besten die Kommunisten, ob ich ein Kom-
munist bin‘, ha, ha, ha! Originellerweis denunzieren sie nämlich ausschließlich
Nichtkommunisten als Kommunisten, h-a-a-!“ (KV 118).
Auch Henz nimmt im Kartonismus das Motiv der mit dem Kommunismus
sympathisierenden Künstler auf. Durch die mit dem Kartonismus einhergehen-
de Liberalisierung in der Kulturpolitik der VVR schätzt der General, dass die
französischen, italienischen, amerikanischen und deutschen Künstlerinnen und
Künstler, die zwar mit der VVR sympathisieren würden, aber die „offizielle rea-
listische Kunst in Grund und Boden verhöhnen“ (K 132), dadurch, dass nun die
moderne Kunst in der VVR erlaubt würde, diese Künstlerinnen und Künstler
zu VVR-Partisanen würden. Es ist die Vorstellung von subversiven Elementen,
die sich vor allem aus der sozialen Gruppe der Kunstschaffenden rekrutieren
und mit ihrer Parteinahme für den Kommunismus die demokratischen Struk-
turen schwächen, die Henz hier dem VVR-General in den Mund legt. Die Künst-
lerinnen und Künstler übernehmen in Henz’ satirischem Szenario als Stellver-
treter den Kalten Krieg und lösen damit die Agenten und Spione ab, indem sie
ihre Werke dem jeweiligen System zur Verfügung stellen, welches sich ihrer je
nach Belieben bedient. Mit seiner Kritik stand Henz jedoch nicht allein, auch
Dissidenten sahen in der Begeisterung westlicher Kunstschaffender hinsichtlich
der Kunstströmungen in den Oststaaten Grund zum Tadel, wie etwa Czesław
Miłosz, der über das Verhalten Pablo Picassos gegenüber der Sowjetunion fol-
gendermaßen urteilt:
In den Jahren, da die Malerei in der Sowjetunion und den Volksdemokratien sys-
tematisch zugrundegerichtet wurde, gaben Sie [Pablo Picasso] Ihren Namen für
Manifeste her, die das Regime Stalins verherrlichten. Gleichzeitig aber bespötteln
Sie den ‚sozialistischen Realismus‘ – wie um zu beweisen, daß gewisse künstleri-
sche Methoden nur dort gelten, wo der Arm der Polizei lang genug ist.95
93 Klaus Harpprecht: Thomas Mann. Eine Biographie. Bd. 2. Reinbek/H.: Rowohlt 1996, S. 1942.
Vgl. dazu auch Corbin: „Das Forvm ist mein Kind“, S. 214 ff.
94 David Axmann: Friedrich Torberg. Die Biographie. München: Langen Müller 2008, S. 202.
95 Czesław Miłosz: Warum schweigen Sie, Picasso? In: Forvm 3 (1956) H. 31, S. 252–253, hier
S. 252. Künstler als Spione, Spitzel und Fellowtraveller 493
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918