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Das „BÜRO“ gibt Skulpturen und Bilder berühmter politischer Persönlichkeiten
in Auftrag und berechnet die Materialien dafür knapp, um den Künstlern die
Möglichkeit zu nehmen, Material zu entwenden und im Verborgenen eigene
Kunstwerke zu produzieren, da individuelles Schaffen geächtet und gesetzlich
verboten ist. Die Kontrolleure durchsuchen die Lager mit Hunden, Katzen, Els-
tern, Wühlschweinen, um versteckte Materialien aufzuspüren. Die streng kon-
trollierte Zuteilung und Rationierung künstlerischer Materialien lässt sich auch
an der sowjetischen Kulturproduktion beobachten. Den Kunstschaffenden brach-
te die Mitgliedschaft in sowjetischen Kulturverbänden beträchtliche Vorteile
und in der „absoluten Mangelwirtschaft verlieh die Kontrolle über die Lieferung
von Farben, Marmor, Papier, Leinwand, Pinseln und Musikinstrumenten den
Kulturbehörden eine außergewöhnliche Macht“.107
Während des Kalten Krieges konnten sich Persönlichkeiten aus Literatur,
Musik und bildender Kunst nicht ohne Restriktionen ihrem Schaffen widmen.
Sie wurden nicht nur – wenn sie sich von bestimmten politischen Positionen
entfernten – diffamiert, sondern hatten sich, um den Preis ihrer persönlichen
Freiheit in ihrer Kunstproduktion – vor allem im sowjetischen Machtbereich –
an eine bestimmte Doktrin zu halten. Die Arbeiter-Zeitung kritisiert bereits
im Februar 1949 die „Reinigung, Liquidierung und Gleichschaltung von Kunst
und Wissenschaften, Dichten und Musizieren, Biologie und Politik“, die sich in
der „gesamten Ostzone Europas“ vollziehen würde: „Kaum eine Woche vergeht,
ohne daß nicht die Inquisition des Kommissars der Inspiration des Philosophen,
Naturwissenschafters, Schriftstellers neue Daumenschrauben ansetzt.“108 Im
März 1960 wies Hans Weigel darauf hin, dass im sowjetischen Einflussbereich
die politischen Richtlinien auch für spezifisch ästhetische Fragen maßgeblich
wären: „Sie betreffen nicht nur den politischen Gehalt der Kunstwerke, sondern
greifen auch in Stil- und Formprobleme völlig unpolitischer Literatur, Musik,
bildender Kunst und angewandter Kunst ein.“109
Nicht nur ein unerwünschter Stil, sondern auch die Veröffentlichung eines
Werkes im Westen, das dem Ruf der Sowjetunion schaden konnte, war von schar-
fen Restriktionen bis zur Internierung begleitet. Anfang der 1960er-Jahre wurde
die sowjetische Praxis, non-konforme Künstler in eine psychiatrische Klinik
einzuweisen, mit dem Fall Valerij Tarsis bekannt, der 1962 wegen Auslandspu-
blikationen bestraft wurde. Dies war der erste Fall dieser Art von Strafe, der im
Westen Aufmerksamkeit erregte. Auf westliche Proteste hin wurde Tarsis 1963
aus der psychiatrischen Anstalt entlassen und verarbeitete seine Erfahrungen in
der Erzählung Palata Nr.
7 („Krankenzimmer Nr.
7“) und in Botschaften aus dem
107 Ebd., S. 479.
108 j.h.: Zweifel an der „Katastrophe“?. In: Arbeiter-Zeitung, 26.2.1949, S. 2.
109 Weigel: Erst: ko - dann: ex!, S. 5.
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498 12 Kunst im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918