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schenizyn berichtet über solche akzeptierten kulturellen Inhalte, die im Gulag
durch „Theaterarbeit mit politisch zugespitzter Themenwahl“114 Ausdruck fan-
den. Es gab z.B. Darstellungen „Roter Kalendergeschichten“, die „Dramatisie-
rung von Zeitungsberichten“ oder „[i]nszenierte Gerichtsverhandlungen, agita-
torisch aufgebaut“.115 Dass sich die Häftlinge jedoch auch über diese Inhalte
lustig machten, zeigt das Beispiel, in dem bei einem Musical mit dem Titel „Auf-
marsch der StGB-Paragraphen, der gefürchtete „§ 58“ („konterrevolutionäre
Straftaten“) als „böse Hexe über die Bühne“116 humpelt.
Auch Zensur und ihre Organisationsformen spielen in Heers dunklem Ent-
wurf eines totalitären Staates eine wichtige Rolle, in Form des „Wiener Kultur-
palasts“, der auch „Tattermanns Haus“ genannt wird und der die Führung und
Verwaltung der obersten Zensurstellen „aller einschlägigen Sparten“ vereinigt:
Funk- und Fernbild, Welt- und Kosmosschau, das ‚Bild des Tages‘; Homodrom-,
Zirkus- und Weltwanderbühnen; ortsansässige Theater und Schaubühnen; Aus-
stellungswesen; bildende und darstellende Kunst; Musik; Artistik; Buchprodukti-
on und Zensurleitstelle; die Werke ‚Kunst dem Volk‘, ‚Kultur der Zeit‘, und ‚Waffen
des Geistes‘. (AT 333)
Der Namensgeber Tattermann hat als ehemaliger „Weltzensor“ jede Kultur und
alle Werke aller Völker und Zeiten registriert und kategorisiert, um damit die
Basis für eine umfassende Zensurpraxis zu legen. Das Kulturgut der Vergangen-
heit wird von „Mißbildungen“ gereinigt, um die Werke der Gegenwart nach
Grundsätzen des „BÜROS“ zu lenken. Aus diesen Vorarbeiten soll dann die
Kulturproduktion der Zukunft entstehen. Das „Referat für Vergangenheit“
erforscht die unterschiedlichen Fakultäten, deren Bestände nach verwertbaren
Stoffen aus vorwissenschaftlicher Zeit untersucht werden. Die literarischen Wer-
ke aus frühen Epochen werden editiert, aber zuvor meist neu geschrieben oder
überarbeitet. Brown liest z.B. eine hundertzwanzig Seiten starke „Welt-Go-
ethe“-Ausgabe, die „wie das Vorwort des Welt-Zensors Tattermann sagt, alles
Wesentliche und Lesenswerte des deutschen Dichters enthält“ (AT 14). Hier ist
Heers Dystopie nahe an George Orwells Nineteen Eigthy-Four, wo Winston Smith
für das „Ministerium für Wahrheit“ Zeitungsartikel umschreibt, sodass diese
ganz mit der aktuellen Ideologie des „Big Brother“ übereinstimmen.
In der Sowjetunion galt Stalin als der „inoffizielle oberste Zensor“,117 der die
Ansicht vertrat, dass unter der Doktrin des „sozialistischen Realismus“ die Bücher
114 Solschenizyn: Der Archipel GULAG, Bd. 2, S. 452.
115 Ebd.
116 Ebd.
117 Overy: Die Diktatoren, S. 486.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
500 12 Kunst im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918