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el Rohrwasser schreibt, dass es „die Anstrengung des Renegaten [ist], sich jen-
seits der Lager zu definieren“.8 So kann Renegatentum nicht nur für einen
Wechsel der politischen Lager im Kalten Krieg stehen, sondern auch für einen
„Emanzipationsprozeß [...], der die komplementäre Gegenläufigkeit des Lagerden-
kens zu sprengen sucht.“9
Während sich der Renegat von allen Prämissen der früheren Ideologie befreit,
ohne notwendigerweise in einer neuen anzukommen, denotieren die Begriffe
der Konversion bzw. Bekehrung10 die Wendung zu einer nun als richtig ver-
standenen Ideologie.11 Im Folgenden wird der Konversionsbegriff für das Nar-
rativ der Umkehr von einer ideologischen Ausrichtung zur anderen verwendet,
der Bekehrungsbegriff für das Narrativ der Übernahme einer ideologischen
Richtung. Solche meist emphatischen Darstellungen der Initiation finden sich
erstaunlicherweise in allen untersuchten Texten, die im kommunistischen Seg-
ment des österreichischen Literaturbetriebs zu verorten sind. Da die zeitgenös-
hur Koestler eher die Generation der Renegaten der 1930er-Jahre prägt, während Renegaten
nach 1945 sich selten als ‚Kalte Krieger‘ qualifizieren: „Der wesentliche Unterschied zu der
älteren Generation ist gerade ihr nüchternes, kritisches Bilanz-Verhältnis zum Kommunismus.
Die typische Reaktionsweise des Konvertiten liegt nicht vor. Weder wird die neue Welt enthu-
siastisch begrüßt, noch die alte restlos verdammt. Der emotionale Antikommunismus, in dem
Arthur Koestler lange Jahre lebte, hat sich nicht wiederholt.“ Krüger: Einleitung, S. 26.
8 Vgl. Rohrwasser: Der Stalinismus und die Renegaten, S. 31.
9 Rohrwasser: Der Stalinismus und die Renegaten, S. 36.
10 Der Konversionsbegriff wird im Vorwort zu Ein Gott, der keiner war, der bekannten Sammlung
autobiographischer Erzählungen von Renegaten, ausschließlich für die Bekehrung zum Kom-
munismus, nicht aber für eine Bekehrung vom Kommunismus verwendet. Vgl. Richard Cross-
man: Vorwort zu den Bekenntnissen. In: Arthur Koestler, Ignazio Silone [u.a.] (Hg.): Ein Gott,
der keiner war. Arthur Koestler, André Gide, Ignazio Silone, Louis Fischer, Richard Wright
[und] Stephen Spender schildern ihren Weg zum Kommunismus und ihre Abkehr. Zürich
[u.a.]: Europa 1950, S.
7–17. Koestler verwendet hier dieselbe Begrifflichkeit. Dagegen bezeich-
net die kommunistische Journalistin Marie Rapp Arthur Koestler und James Burnham gerade
nach deren Abkehr vom Kommunismus als Konvertiten, was insinuiert, dass diese mit dem
Antikommunismus eine neue Weltanschauung angenommen haben: „Zwar gehört er [Burn-
ham] nicht zu den waschechten ‚Konvertiten‘, die in Berlin [beim Kongreß für kulturelle Frei-
heit] am höchsten im Kurs standen, da er nur von Trotzkismus und nicht vom Kommunismus
bekehrt wurde.“ Marie Rapp: Der Steckbrief. James Burnham, der Mann ohne Phrase. In: Tage-
buch 5 (1950) H. 19, 13.9.1950, S. 3.
11 Vgl. zur Unterscheidung zwischen Renegaten und Konvertiten bei Arthur Koestler Rohrwas-
ser: Der Stalinismus und die Renegaten, S. 38 f. Koestler erwägt den Begriff der Konversion
auch für Kommunisten, was hier übernommen wird. Ebenso wie der Begriff Neophyt/in kann
‚Konversion‘ auch für die Initiation in einen westlich-antikommunistischen Kontext verwen-
det werden, jedoch scheint ein solcher Fall innerhalb der österreichischen Nachkriegsliteratur
nicht auf. Vgl. zum Begriff ‚Neophyt‘ Wolfgang Strauss: Abtrünnige und Neophyten. ‚Verräter‘
aus dem Osten als Kritiker des Westens. In: Kaltenbrunner (Hg.): Tragik der Abtrünnigen,
S. 140–156. Begriffsbestimmungen: Konversion, Bekehrung, Renegatentum 507
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918