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Krasin sieht darin eine politische Häresie: „Sie proklamieren die Anarchie
Bakunins!“ (Ebd.)17 Als er sieht, dass Marakow es ernst meint, erschlägt Krasin
ihn mit einem silbernen Kerzenhalter. In der darauf folgenden Schlussszene
begehen die Mönche den feierlichen Osterritus und wiederholen, während sie
Marakows Leiche „ausgebreitet wie ein Kreuz“ (RO 109) von der Bühne tragen,
immer wieder den Satz „Christus ist auferstanden!“ (Ebd.), wodurch die Ermor-
dung des Konvertiten symbolträchtig mit dem Opfer Christi verknüpft wird.
Auf diesen Opfertod vorausweisend klagt Marakow bereits an einer früheren
Stelle des Dramas die Sowjetunion an, Opfer zu produzieren:
Nein, Ihr seid nicht davor zurückgeschreckt, uns vor einen Altar zu schleppen wie
Isaak seinen Sohn, aber da gab es keinen Gott, der dieses Menschenopfer von sich
stieß, denn Eure Götzen nahmen dieses Opfer an, und sie bekamen Appetit und
wurden sehr gefräßig. (RO 44)
Der Abt des Klosters wirft dem systemtreuen Krasin ebenfalls vor, die Sowjet-
union produziere Märtyrer, die von jenen des Christentums abzugrenzen seien:
„Das Blut aller christlichen Märtyrer in der ganzen Welt zu allen Zeiten, [...] das
ist der Samen, der in den Morgen treibt. Ihr aber habt Märtyrer gemacht, ohne
selbst Märtyrer zu werden.“ (RO 59) Zugleich prophezeit der Abt den Zerfall
der sowjetischen „Ordnungen“ und „Kollektive“ durch individuelle Prozesse der
Abwendung vom Kommunismus: „In den Seelen der Menschen, darin zerfallen
sie ... (stark) In den Marakows!“ (Ebd.)
Die Konversion Marakows erfolgt durch eine geistige und seelische Entwick-
lung, die im Umfeld des Klosters und in Anbetracht des Lemmingsterbens, das
allegorisch für den Tod des seelenlosen Lebens steht, stattfindet.18 Diese Wand-
lung nimmt den gesamten Zeitraum der Handlung ein und bedingt schließlich
Marakows Opfertod, der gegen die atheistische, radikal materialistische und
anti-individualistisch gedachte Ideologie des Sowjetkommunismus wirken soll.
17 Michail Alexandrowitsch Bakunin (1814–1876) stammte aus Russland, beteiligte sich an revo-
lutionären Bewegungen in Frankreich und Deutschland. Durch seine anarchistische Tendenz
positionierte er sich in Opposition zu Karl Marx.
18 Kuehnelt-Leddihn stellt als Auslöser für Renegatentum ebenso eine nicht näher erklärte inne-
re Entwicklung dar: „[M]eistens kommt der Bruch mit einer Ideologie als Folge entweder einer
intellektuellen (als auch seelischen) Entwicklung oder auch als Resultat eines Schocks, der ‚die
Augen öffnet‘;“ Kuehnelt-Leddihn: Nur eine Frage des Datums?, S.
179. Dieselbe Einschätzung
findet sich bei Krüger: „Der Prozeß der Ablösung [...] verläuft weniger dramatisch, langsamer,
ein dauernder untergründiger, oft quälender Vorgang innerer Auseinandersetzung. [...] Genüg-
te bei André Gide schon eine Reise in die Sowjetunion, um die Utopie sterben zu lassen, so
bedarf es hier bei den geschulten, innerlich gefestigten Kommunisten vieler Jahre, die sie im
täglichen Kleinkrieg langsam widerlegen und in die Enge treiben.“ Krüger: Einleitung, S. 23.
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510 13 Konversion, Bekehrung, Renegatentum. Narrative des Seitenwechsels.
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918