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munismus überzeugt wird. Diametral entgegen verläuft innerhalb desselben
Dramas die Erzählung vom versuchten „Verrat“ gegenüber der UdSSR durch den
„Renegaten“22 Malabranca, den Ministerpräsidenten Jugoslawiens. Die Figur
Malabranca steht in diesem Schlüsseldrama für den jugoslawischen Minister-
und Staatspräsidenten Tito, der ab 1948 eine gegenüber Sowjetrussland eigen-
ständige Politik betrieb und dafür vom orthodoxen KP-Apparat in ganz Europa
angegriffen wurde.23 Das Drama schlägt in diese Kerbe und denunziert Mal-
abrancas Freiheitsbestrebungen dezitiert als „Verrat“. Die entgegengesetzte poli-
tische Wendung des fiktiven Präsidentensohnes Diego endet mit der Ermordung
durch seinen Vater. Er erhält so ebenso wie Becsis Marakow und Schwarz’ Leut-
nant Züge des Märtyrers, der wegen seiner geänderten Überzeugung sterben
muss.
Zu Beginn der Handlung hegt Diego noch Sympathien für westliche Denk-
und Lebensweisen, die Fischer aus der Retrospektive mit dem „kleinbürgerli-
22 Fischer formuliert über Tito, dass er „1948 aus der Kominform ausgeschlossen und zum Rene-
gaten degradiert wurde.“ Fischer: Das Ende einer Illusion, S. 268. Eine Broschüre bezeichnet
Tito auch als Renegaten: N.N.: Weitere verräterische Handlungen des Renegaten Tito. Artikel
der Zeitung Zëri i Populit v. 9.11.1963. [Tirana] 1963. Vgl. zu Malabranca als Renegatenfigur
unten, in diesem Kapitel: „Regeneraten in der österreichischen. Literatur“. 13.3.
23 Vgl. für die österreichische KP die heftigen Angriffe im Tagebuch z.B. die Rezension zu
Fischers Der große Verrat von Bruno Frei, welche die Aussage des Stücks bestätigt: „[F]ür uns
Zeitgenossen des ‚Kalten Kriegs‘ gibt es kein Problem von solcher Unausweichlichkeit, wie das
in diesem dramatischen Werk behandelte. Es ist das Problem der Stellung zur Sowjetunion.
[…] Nichts hat diese Lehre so eindeutig bewiesen wie der große Verrat der Tito, Rajk und
Kostoff. Nichts war und ist dem auf der Lauer liegenden Todfeind des Sozialismus so inbrüns-
tig willkommen wie ein ‚Sozialismus‘ ohne oder gar gegen die Sowjetunion.“ Bruno Frei: Der
große Verrat. Aus Anlaß der Uraufführung von Ernst Fischers Drama in der Scala. In: Tage-
buch 5 (1950) H. 8, 15.4.1950, S. 1. Und in weiteren Beiträgen: „Die billigste Waffe im Kalten
Krieg gegen die Sowjetunion ist nach Meinung des amerikanischen Propagandachefs James
Burnham: Tito. In einer Kritik der gegenwärtigen amerikanischen Propagandamethoden zur
Vorbereitung eines Kreuzzuges gegen den Osten empfiehlt der geistige Chef der Kriegshetzer
in der Zeitschrift ‚Der Monat‘ (Nr. 20), den Titoismus zu einem Hauptthema der amerikani-
schen Propaganda zu machen. Titoistische Tendenzen zu fördern, beispielsweise in China, sei
eine der Hauptaufgaben der amerikanischen Propagandisten. Dieses Geständnis muß man rot
unterstreichen.“ N.N.: T[age]B[uch] greift auf
... In: Tagebuch
5 (1950) H.
12, 10.6.1950, S.
2.
„Die amerikanische Hand in Jugoslawien wird immer klarer erkennbar. [...] Mehr Kanonen
und Bomben, weniger Stipendien und Kindergärten – das ist jener titoistische Kommunismus,
mit dem sich das kapitalistische Amerika leicht verbrüdern kann.“ N.N.: T[age]B[uch] greift
auf ... In: Tagebuch 7 (1952) H. 1, 5.1.1952, S. 1. Leopold Spira: Das kapitalistische Jugosla-
wien. In: Weg und Ziel 9 (1951) H. 3, März, S. 171–183. Spiras Artikel spricht Jugoslawien
ein kommunistisches System ab, prophezeiht den militärischen Ausverkauf des Landes an die
USA und assoziiert es mit der Sozialdemokratie. Zahlreiche Themen und Standpunkte aus
Fischers Drama Der große Verrat wiederholen sich in Spiras Artikel.
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512 13 Konversion, Bekehrung, Renegatentum. Narrative des Seitenwechsels.
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918