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Staaten: „Wir kommandieren zu viel. Wir haben den Krieg in den Wiederaufbau
hineingeschleppt. Wir kämpfen nicht um die Menschen, um jeden einzelnen.
Sind dir die vielen Uniformen aufgefallen?“ (ebd.) Diegos Bedürfnis nach Indi-
vidualität, Selbständigkeit, Freiheit und Unabhängigkeit weckt sein Interesse für
die Werte des Westens und verleitet ihn dazu, seine Freundin Anita dem Eng-
länder Leslie anzubieten. Als er Anita wenig später eine Volksballade singen
hört, in der es um den Selbstmord einer schönen Fischerstochter geht, die von
einem fremden „Herren“ aus der Stadt verführt und verlassen wird, überträgt
er den Inhalt der Ballade allegorisch auf seine aktuelle Lebenssituation, sodass
er die „Fremden“ und die „Herren“ nunmehr als Bedrohung für etwas Schüt-
zenswertes ansieht, das durch die Frau – sowohl in der Ballade als auch durch
Anita – symbolisiert wird. So wirft er Leslie im Streit an den Kopf: „Hier seid
ihr nicht die Herren. Anita wird nicht ins Meer gehn.“ (GV 44) Leslie antwortet
darauf: „Etwas verspätet entdeckst du deine patriotischen Gefühle“ (ebd.) und
identifiziert so Diegos Parteinahme für Anita mit einer Parteinahme für Jugos-
lawien, was angesichts der symbolischen Bedeutung des Volksliedes (vgl. GV
42) der Logik im Drama entspricht: Die Liebe zur Frau entspricht der Liebe zum
Volk als einer sozial definierten Kategorie und zugleich zum kommunistisch
definierten Sozialismus, der als Telos des Volkes vorausgesetzt wird.
Noch klarer wird das Handlungsmoment der Bekehrung durch die Liebe zu
einer Frau in Fischers folgendem – ebenso schlecht besuchten34 – Drama her-
ausgearbeitet. In der dreiaktigen Komödie Die Brücken von Breisau wird aus
einer kommunistischen Perspektive die politische Landschaft Österreichs im
Figurenensemble einer westdeutschen Kleinstadt abgebildet. Der Typus des jun-
gen, freiheitsliebenden, politisch indifferenten „kleinbürgerlichen Intellektuel-
len“ (BB 37; vgl. BB 52) wird in der Figur des Sekretärs Heinz Zweidler verkör-
pert, dessen Namen nicht von ungefähr an „Zweifler“ erinnert. Heinz’
Anschauungen wiederholen jene Diegos aus dem vorhergehenden Drama, was
sich in ähnlichen Formulierungen manifestiert. So äußert Diego seiner KP-lini-
entreuen Schwester Marina gegenüber: „Leben heißt fragen. Aber ihr wißt die
Antwort, bevor euch die Frage gequält hat. [...] In jedem Augenblick will ich frei
entscheiden, ich allein, nicht im vorgewärmten Bett einer Weltanschauung.“ (GV
16) Heinz äußert sich der überzeugten Kommunistin Barbara gegenüber: „Die
Seele schreit nach Freiheit und nicht nach eurer Propaganda. [...] Ihr habt es
34 Vgl. Pellert: Roter Vorhang rotes Tuch, S. 62. Selbst Otto Tausig hält wenig von Fischers Dra-
men: Ein „Sündenfall [der Scala-Schauspielerinnen und Schauspieler, Anm. d. Verf.] war, dass
wir zwei Stücke eines Mannes spielten, der Mitglied des kommunistischen Zentralkomitees und
gleich nach dem Krieg der erste Kulturminister Österreichs war: Ernst Fischer. Er war ein blitz-
gescheiter Kulturkritiker, der leider auch Theaterstücke schrieb. Und die waren miserabel. Trotz-
dem spielten wir sie, weil Fischer ein guter Freund der Scala-Gründer war.“ Tausig: Kasperl,
Kummerl, Jud, S. 96.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
518 13 Konversion, Bekehrung, Renegatentum. Narrative des Seitenwechsels.
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918