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satzungsmacht interessiert. Es handelt sich dabei um die Brückenpläne der Stadt,
welche im Kriegsfall Brückensprengungen ermöglichen sollen, um einen even-
tuellen Vormarsch von Truppen aus dem Osten zu behindern. Dies deutet für
die Figuren des Dramas darauf hin, dass die US-Besatzung Deutschland als
Prellbock im Kalten Krieg einsetzen möchte.35
Heinz sieht sich plötzlich einer politischen Entscheidung gegenüber, da es an
ihm liegt, die Brückenpläne der US-Besatzungsmacht auszuhändigen, wie die
Stadtregierung fordert, die sich durch die Kooperation mit den USA Vorteile
erhofft. Heinz schildert Barbara die Situation, als er die Aktentasche holt, die sie
für ihn verwahrt hatte. Sie plädiert dafür, die Frage öffentlich zu stellen und
demokratisch beantworten zu lassen, um das politische Engagement der Bevöl-
kerung herauszufordern. Heinz entscheidet sich nicht sogleich, sondern hört
sich die verschiedenen Meinungen innerhalb der Stadtbevölkerung an. Im Ver-
lauf des Brückenweihfestes treten die unterschiedlichen Vertreter und Vertrete-
rinnen politischer Parteien und Interessensgruppen an ihn heran und versuchen,
ihn zur Herausgabe der Pläne zu bewegen. Er wägt die Angebote ab, die er jeweils
bekommt: Eine Affäre mit der einst deutschnationalen, jetzt US-affinen Thus-
nelda, finanzielle Mittel, ein SPD-Stadtratsmandat, die Option auf eine Verbin-
dung mit der Bürgermeisterstochter und eine Stelle als Magistratsdirektor, schließ-
lich das Regimentskommando im kommenden Krieg. Als Heinz Barbara fragt,
was sie und die KP für die Brückenpläne bieten würden, antwortet sie: „Nichts.“
(BB 51) Dennoch handelt Heinz schließlich genau nach Barbaras Vorschlag und
provoziert eine öffentliche Stellungnahme der Stadtbevölkerung zur Frage, ob
die Brückenpläne den US-Vertretern ausgehändigt werden sollen.
Heinz’ Verhalten legt den Schluss nahe, dass er für Barbaras Sympathie alle
anderen Angebote ausschlägt und zugleich die Ziele der kommunistischen Bewe-
gung unterstützt. Der CDU-Stadtrat äußert sich über Heinz’ öffentliche Forde-
rung nach einer demokratischen Abstimmung: „[I]ch war fest überzeugt, da
stecken Sie [Barbara] dahinter, Sie Teufelsmädel. [...] Mir scheint da klopft ein
Herz.“ (BB 53) und der KPD-Stadtrat antwortet auf die Frage, ob er davon aus-
gehe, dass Heinz sich der KPD anschließen wird: „Das hängt ab: Erstens von der
Entwicklung des Klassenkampfes im allgemeinen. Zweitens von der Entwick-
lung des nationalen Bewußtseins im besonderen. Und drittens – von der Genos-
sin Barbara.“ (ebd.) Heinz erklärt später seiner ehemaligen Freundin Hedwig,
mit der er einen liberalen, unpolitischen Standpunkt teilte, warum er sich der
politischen Bewegung um Barbara angeschlossen hat: „[D]a gibt es Worte, die
waren leer wie Ruinen. Ausgebrannt, ausgeraucht. Und plötzlich füllen sie sich
35 Diese Deutung entspricht der propagandistischen Wirkung, die Fischers Drama erzielen möch-
te und die auch im Tagebuch und in kommunistischen Broschüren vertreten wird. Vgl. Kapi-
tel 6: Österreichische Gulag-Literatur.
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520 13 Konversion, Bekehrung, Renegatentum. Narrative des Seitenwechsels.
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918