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in dieser Richtung. Von ihrem Vater wird sie für ihr unsoziales Verhalten kriti-
siert:
Ich hab ein halbes Dutzend Streiks mitgemacht und mehr als einmal meinen Pos-
ten riskiert. Aber ihr, ihr Jungen, ihr kennt das Wort Solidarität nicht mehr! Einer
für alle, alle für einen – noch heut renn ich meine alten Beine wund, wenn einem
Altersrentner ein Unrecht geschieht. (HB 51)
Auf die Frage seiner Tochter, was er davon hätte, antwortet er: „Nur das Bewußt-
sein, daß ich ein Sozialist bin, daß ich nicht allein auf der Welt dasteh, als Ego-
ist, so wie du.“ (Ebd.)
Martha ist bereit, das soziale Bewusstsein, das ihr Vater besitzt, einem Lebens-
glück mit ihrem Freund Kurt zu opfern: „Für dieses Glück war es wert, alles
andere im Leben zu opfern – auch die Solidarität.“ (HB 52) Die Romanhandlung
legt allerdings nahe, dass ihre Opferfreudigkeit im kapitalistischen System, in
dem sie „sich hochkämpfen“ (ebd.) möchte, nicht belohnt wird. Die Wohnung,
für die sie schwer arbeitet, erweist sich als Spekulationsblase, da das Haus so
billig gebaut wurde, dass es noch vor dem Einzugstermin einstürzt. Als sie erkennt,
dass sie von Kurt keine Unterstützung erwarten kann, da er nichts anderes vor
hat, als sich von unterschiedlichen Frauen aushalten zu lassen, bricht sie die
Beziehung wütend ab, wobei sie ihre Eigenständigkeit entschieden hervorhebt:
„Glaubst du vielleicht, daß ich’s nicht aushalte ohne dich? Glaubst du vielleicht,
daß ich mich wegen dir umbringen werde? – Geh schon – zieh dich draußen an
[…]“ (HB 141). Diese Wut gegen ihre Ausbeutung als Frau – aber auch als Arbeit-
nehmerin und Konsumentin – bestimmt von da an Marthas Handeln. Dass ihr
Vater infolge der Anstrengung, gegen den betrügerischen Vermieter eine Bür-
gerinitiative ins Leben zu rufen, erkrankt, bringt bei Martha „das Gefäß des
Zorns zum Überlaufen“ (HB 146). „In jedem Glied ihres Körpers spürte sie den
kribbelnden Zorn, der nach Aktivität, nach Umsetzung in Tätigkeit drängte.“
(ebd.) Daraufhin beginnt sie in ihrem Betrieb gegen Entlassungen politisch
couragierter Kolleginnen Streiks zu organisieren. Die Wandlung kommt für ihr
Umfeld überraschend: „Den Ausschlag [für den Streik, Anm. d. Verf.] hatte
wahrscheinlich die Stanzl gegeben. Die war auf einmal eine der Radikalsten
geworden, warum, das wußte die Rosl nicht“ (HB 150). „Was ist denn in Sie
gefahren, Frau Stanzl? Früher haben Sie doch immer zu den Vernünftigen im
Betrieb gehört – und jetzt auf einmal reden Sie daher wie eine Kommunistin!“
(HB 152)
Durch ihr selbstbewusstes politisches Auftreten erreicht Martha Stanzl Zuge-
ständnisse des Arbeitgebers, eine eigene Wohnung und die Möglichkeit, ein Kind
selbständig großzuziehen – ein Mann an ihrer Seite ist dazu nicht nötig. Dieses
Bild der selbstbewussten Frau wird typischerweise mit deren Politisierung im
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
526 13 Konversion, Bekehrung, Renegatentum. Narrative des Seitenwechsels.
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918