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der Erzählungen von Renegaten, die in der Regel einen Rückblick auf eine voll-
zogene ideologische Wandlung aus der Innenperspektive darstellen.
Als Renegatennarrative im engeren Sinn sind innerhalb der österreichischen
Literatur des Untersuchungszeitraums Texte von drei Autoren zu nennen. Es
handelt sich dabei um die umfangreiche philosophische Romantrilogie Manès
Sperbers, Wie eine Träne im Ozean (1940–1951), Milo Dors ersten Teil einer
autobiographisch inspirierten Romantrilogie Tote auf Urlaub und Reinhard
Federmanns Roman Das Himmelreich der Lügner. Die Handlung von Sperbers
Romantrilogie beschäftigt sich sehr eingehend mit der Thematik der Abwen-
dung vom Kommunismus, konzentriert sich dabei aber auf die 1930er-Jahre,
weshalb der Text hier nicht näher behandelt wird, während Dor und Federmann
die Erfahrung der Enttäuschung und Trennung von der kommunistischen Ideo-
logie und dem politischen Kollektiv auch im Rahmen von Texten behandeln,
die sich mit der Nachkriegssituation beschäftigen.
Renegatenfiguren bei Milo Dor
In Dors Romantrilogie um den jugoslawischen Widerstandskämpfer Mladen
Raikow56 kommt dieser durch ein einschneidendes Ereignis erstmals in ernst-
haften Konflikt mit der kommunistischen Partei. Er befindet sich in einem
Gefängnis der serbischen Spezialpolizei, die der Gestapo untersteht, und ist
unmenschlichen Bedingungen und Folterungen ausgesetzt, als ein Mitglied sei-
ner Partisaneneinheit namens Boschko in seine Zelle gebracht wird. Boschko
erzählt ihm, dass sein Freund Milija aus der Partei ausgeschlossen wurde. „‚Aus-
geschlossen?‘ Mladen erfuhr jetzt zum erstenmal, daß es so etwas gab. [...] [Er]
fühlte plötzlich wieder die gefährliche Nähe des Todes.“ (TAU 103) Raikow erfährt
durch hartnäckiges Nachfragen von Boschko, dass Milija wegen seiner Kritik an
der Sowjetunion, insbesondere des Hitler-Stalin-Pakts boykottiert wurde.
Und Boykott hieß: aus der warmen Gemeinschaft ausgestoßen zu sein, über Nacht
die besten Freunde zu verlieren, einsam und verlassen mit dem Kainszeichen auf
der Stirn herumzuirren und vergeblich an verschlossene Türen zu klopfen. (TAU
105)
Diese Situation bedeutete für Milija tatsächlich den Tod, wie Raikow erfahren
muss. Seine Reaktion auf diese Eröffnung besteht in einem Ausbruch: „‚Das ist
56 Dor beschreibt sich als nicht mit ihm „identisch“, jedoch „mit ihm verwandt“. Milo Dor: Vor-
wort. In: Ders.: Die Raikow Saga. Nichts als Erinnerung. Tote auf Urlaub. Die weiße Stadt.
München, Wien, Langen Müller 1979, S. 5–6, hier S. 6.
Renegaten in der österreichischen Literatur? 531
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918