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eine Schweinerei!‘ rief er. ‚Einen Menschen zum Tode verurteilen, weil er die
Wahrheit gesagt hat![‘] Erst jetzt bemerkte er, daß in der Zelle Totenstille herrsch-
te, die nur von Zeit zu Zeit vom Heulen des Windes, der über das steile Mans-
ardendach strich, unterbrochen wurde.“ (TAU 106)
Durch seine Solidarisierung mit Milija, der mit der „grausame[n] Verban-
nung, diese[m] Totsein bei lebendigem Leibe“ (Ebd.) konfrontiert ist, schließt
sich Raikow ebenfalls aus der kommunistischen Gemeinschaft aus, die durch
ihr stillschweigendes Übereinkommen über eine rigide Diskurspraxis konstitu-
iert wird. Die „Totenstille“ bezeichnet jenes demonstrative Schweigen, das die
Übertretung der diskursiven Grenze markiert. Sie indiziert den Boykott, der
Tote in spe produziert. Das Moment des Schweigens, das Konformität demons-
triert, ist – wie Michael Rohrwasser bemerkt – auch für das Werk Sperbers von
Bedeutung. Es entspringt der Vorsicht, der noch nicht geäußerten Kritik, der
Angst vor dem Bruch mit der Gemeinschaft.57 Die Demonstration der tödlichen
Konsequenzen von Nonkonformismus und dem Äußern der eigenen Meinung
im Kommunismus lassen Mladen zwar zum „enttäuschten Revolutionär“58 wer-
den, der dann als „Verräter“59 verfemt wird. Eine neue ideologische und soziale
Heimat eröffnet sich für ihn aber trotz der Atmosphäre des Kalten Krieges nicht.
Dor verarbeitet den Ausschluss aus der kommunistischen Gemeinschaft auf-
grund einer offenen Meinungsäußerung auch in seiner Novelle Salto mortale
(1960). Auch hier verliert der Ich-Erzähler „über Nacht die besten Freunde“, weil
er eine Diskursgrenze übertritt. Die Verbindungen zwischen der Episode des
Bruchs mit der kommunistischen Gemeinschaft in Tote auf Urlaub und der Hand-
lung von Salto mortale sind auffällig. Zunächst erscheint dem Ich-Erzähler die
kafkaeske Situation, in der ihn plötzlich seine Bekannten, Freunde und selbst sei-
ne Geliebte nicht mehr erkennen, als schlichtweg unerklärlich. Erst an einem
bestimmten Punkt der Handlung akzeptiert er, dass er nicht mehr dazugehört und
eines der „zersetzende[n] Elemente“ (SM 27) der totalitären Gesellschaft gewor-
den ist. Als Außenstehender wird es ihm nun erst möglich, sich einzugestehen,
dass er schon lange unzufrieden mit seiner Gesellschaft und der politischen Füh-
rung seines Landes war, da er als Journalist etwa ständig propagandistische „Lügen“
(SM 29) für die Zeitung zu verfassen hatte. Die ‚unerklärliche‘ Situation stellt sich
nun als Effekt des „automatisch[en]“ (SM 35) und automatisierten Schweigens
über die Praktiken der totalitären Gesellschaft heraus. Der Erzähler bricht nun
dieses Schweigen, spricht von „Boykott“ (SM 27, 31) und gesteht sich selbst ein,
ein „enttäuschter Revolutionär“ zu sein, der nach der Revolution
57 Vgl. Rohrwasser: Kommunist, Exkommunist, Antikommunist, S. 68.
58 Dor: Vorwort. In: Ders.: Die Raikow Saga, S. 5.
59 Milo Dor: Tote auf Urlaub. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt 1952 [im Folgenden abgek. TAU],
S. 205 u. 359.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
532 13 Konversion, Bekehrung, Renegatentum. Narrative des Seitenwechsels.
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918