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[…] eine Art Katzenjammer [empfand], der sich bald zu einer beinahe allergi-
schen Abneigung gegen die herrschende Gesellschaft entwickelte, die meiner
Meinung nach die Ziele unserer Revolution verraten hatte. [...] es störte mich un-
gemein, die schmalen, blassen Gesichter der Revolutionäre, die mit ihrem feuri-
gen Blick an die Gesichter byzantinischer Racheengel erinnerten, sich so rasch in
fette, selbstzufriedene Gesichter verwandeln zu sehen, Gesichter, die ihrer Macht
vollkommen bewußt waren. Das hochmütige Gehaben dieser Menschen, die vor-
gaben, im Besitz der alleinseligmachenden Wahrheit zu sein, in deren Namen sie
alle Andersdenkenden an die Wand stellen konnten, machte mich einfach krank.
(SM 28 f.)
Aufgrund dieser unterdrückten Unzufriedenheit kommt es zu einem Ausbruch
in Form eines harmlos scheinenden Scherzes,60 der für das totalitäre Regime
aber einen unverzeihlichen Fehltritt darstellt. Die Phase der schwelenden Unzu-
friedenheit, in der Renegaten sich noch nicht zum offenen Bruch mit der Partei
und der Ideologie des Kommunismus entscheiden können, wird als obligat für
Renegatennarrative beschrieben61 und tritt in Salto mortale als Devianz des
Unbewussten auf. Dass der Protagonist unbewusst gegen das verordnete Lügen
aufbegehrt, verbindet ihn mit Milija aus Tote auf Urlaub, der boykottiert wird,
weil er die Wahrheit sagt. Zudem sind Boykottierte auch in Salto mortale leben-
de Tote. Über den bereits vor ihm ausgestoßenen Budek sagt der Ich-Erzähler:
Sie taten so, als sei er gar nicht da. Er blieb aber lange in der Tür stehen und sah
langsam von einem zum anderen, als erwarte er, daß einer von ihnen ihn begrü-
ßen oder ihm wenigstens verstohlen zuzwinkern würde. Doch keiner rührte sich.
Ich hatte das Gefühl, als stünde auf der Schwelle ein Toter, zu dem niemand sich
bekennen wollte. (SM 33)
Die Situation ist wieder vom Schweigen geprägt.62 Dem Ich-Erzähler widerfährt
ähnliches. So spricht er davon, „die Mauer des Schweigens, die [ihn] umgab“
(SM 32), nicht durchbrechen zu können. Sein Umgang mit dieser Situation unter-
scheidet sich allerdings stark von jenem Raikows, da er schließlich nicht zum
Renegaten wird, sondern sich für eine Rückkehr in die „warme Gemeinschaft“
60 Zur politischen Bedeutung des Witzes vgl. Milo Dor, Reinhard Federmann: Der Witz als geis-
tige Waffe. In: Dies.: Der politische Witz, S. 307–330. Diesen Aspekt heben auch die Rezensi-
onen zu dieser Sammlung oft hervor: z.B. N.N.: Die Waffe der Lächerlichkeit. Das ‚Tausend-
jährige Reich‘ und seine ‚Führer‘ im politischen Witz. In: Belvedere – Das Wochenmagazin.
Neues Österreich, 5.6.1963. Maurer, Neumann-Rieser: Komik im Kalten Krieg?, S. 52–70.
61 Vgl. Krüger: Einleitung, S. 16 f.
62 Vgl. Günther Stocker: „Zone des Schweigens“. Totalitarismuskritik bei Milo Dor. In: Ders.,
Rohrwasser (Hg.): Spannungsfelder, S. 265–286.
Renegaten in der österreichischen Literatur? 533
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918