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[…] mißbrauchten und irregeleiteten Menschen, die sich immer wieder von ir-
gendwelchen Scheißgesichtern beschwatzen lassen, auf die Straße – oder nach
Spanien, zur Fremdenlegion und was weiß ich, wohin noch – gehen und sich
einsperren, niederknüppeln, erschießen oder aufhängen oder köpfen lassen, um
irgendeiner beschissenen ‚guten Sache‘ zu dienen! / Gute, wahre oder was weiß
ich für eine Sache: überall geht es nur darum, daß sich eine neue Partei zur Krippe
hindrängt und sich anfressen will. (BW 103)
Dieser egoistische Zweck ist es, den Wehofer hinter jeder ideologischen Rich-
tung vermutet; auch im Kommunismus, dem er einige Jahre als Parteimitglied
angehört hat, sieht er eine Ideologie wie jede andere, die ihn nicht wirklich über-
zeugen kann: „Politisch hat diese Zeit keinerlei Spuren in mir hinterlassen, außer
meinen Widerwillen gegen den ganzen kommunistischen Zauber, der um kei-
nen Funken besser als andere Ideologien ist.“ (BW 140) Dem österreichischen
Wappenadler unterstellt Wehofer, dass „der scharfe Schnabel schon wieder nach
neuer Beute giert“ (BW 209) und er selbst möchte auch nicht zu kurz kommen.
So macht er überall dort mit, wo er Vorteile für sich sieht. Dem kommunisti-
schen Jugendverein „Freie Österreichische Jugend“ tritt er aus Gründen ange-
nehmer Freizeitgestaltung bei:
Schauen Sie, irgendwo muß der Mensch ja hingehen. Ich war halt bei denen, weil
ich unter ihnen Freunde fand, Spezis, das war mir die Hauptsache. Schließlich
war es dort ja nicht schlecht. Im Winter war das Heim gut geheizt, Tischtennis
hat man spielen können, einen Plattenspieler haben die gehabt, Tanzabende wur-
den veranstaltet. Im Sommer waren wir gemeinsam an der Alten Donau, zum
Schwimmen und Bootfahren. (BW 141)83
Wehofers These ist: „Alles richtet sich danach, woher der Wind weht … Oder
nicht?“ (BW 143) Kirchpichler wendet ein, dass man doch nicht „das ganze Volk,
ja die Menschheit als faule Opportunisten“ (ebd.) bezeichnen könne. Der Roman
stellt genau diese beiden Ansichten und damit die Sinnhaftigkeit ideologischer
Überzeugungen generell zur Debatte. Der Autor sieht das Verhalten seiner Figur
als zeittypisch an:
83 Interessant ist, dass Ernst Hinterberger in einem Erinnerungsdokument auf dieselben Annehm-
lichkeiten einer FÖJ-Mitgliedschaft hinweist: „Dort [FÖJ] fühle ich mich sofort wohl, ging fast
jeden Tag ins Heim und fand mich unter Freunden. [...] Wir spielten Tischtennis[...] und ver-
anstalteten Diskussionen, Tanzabende und Wander- und Badeausflüge.“ Ernst Hinterberger:
[Wien, 10.11.1999], S. 100. Hinterbergers Ehefrau Grete Hinterberger erzählt zudem, dass
durch Eintrittsgelder bei Veranstaltungen der FÖJ die Heizkosten der Heime gedeckt wurden.
Vgl. Grete Hinterberger: [Wien, 10.11.1999]. In: Makomaski: Die Freie Österreichische Jugend,
S. 99 f., hier S. 99. Kritik an ideologischen Frontstellungen im Kalten Krieg 541
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918