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14 ÖSTERREICH-BILDER AUS DEM KALTEN KRIEG
Österreich: Zwischen „‚nicht mehr‘ und ‚noch nicht‘“1
Ausgerechnet im Staatsvertragsjahr 1955 landet Franz Zborowsky, die Hauptfi-
gur in Ulrich Bechers kurz nach 4 (1957), in Parma, das in Person seiner zeit-
weiligen Herrscherin, der Herzogin Marie-Louise von Österreich (1791–1847),
eine unglückliche gemeinsame Geschichte mit seinem Heimatland hat. Bei sei-
nem Aufenthalt verbindet Zborowsky den Blick auf die oberitalienische Stadt
mit Versatzstücken einer Österreich-Idylle:
Seiner Witterung entging keinen Augenblick, daß hier über der vollends italie-
nischen Wirklichkeit etwas webte wie der Schemenhauch eines k. u. k. Glanzes,
possierliches Gespenst des Doppeladlers […] und irgendwo Lanner, man war ein
bißchen in Wien. Nicht in dem von vier Mächten besetzten, das in Zeitläufen
‚Kalten Kriegs‘ der Welt die ‚Friedliche Koexistenz‘ vorexerziert hatte und eben
den Austria-Staatsvertrag unter Dach schaffte, sondern in Traum-Wien … Fata
morgana [sic!] […]. (KV 100 f.)
Diese Szene spricht die Janusköpfigkeit des Österreich-Bildes an, wie sie sich in
den literarischen Österreich-Entwürfen des Kalten Kriegs immer wieder findet.
Einerseits wird die schwierige Phase des „nation-buildings“ eines Landes, das
1938 nach knapp zwei Jahrzehnten Existenz schon wieder von der Landkarte
verschwunden ist und erst 1955 wieder selbständig wurde, mit rückwärtsge-
wandten Utopien von K.-u.-k.-Idyllen, Walzerseligkeit und historischer Unschuld
begleitet.2 Andererseits wird Österreich im Kalten Krieg als ein gefährdetes und
gefährliches Territorium entworfen, auf dem die Besatzungsmächte skrupellos
ihre Interessen verfolgen, die Geheimdienste ihr Unwesen treiben und die Gefahr
einer kommunistischen Machtübernahme wie in den Nachbarländern Ungarn
und Tschechoslowakei droht. Im Folgenden soll dargestellt werden, wie die Rol-
le Österreichs im Spannungsfeld des Kalten Krieges in Texten unterschiedlicher
politischer Couleur entworfen wird, welche Österreich-Bilder zur Sprache
1 Hans Weigel: O du mein Österreich. Versuch des Fragments einer Improvisation für Anfänger
und solche, die es werden wollen. Stuttgart: Steingrüben Verl. 1956, S. 86.
2 Vgl. zur Konstruktion der österreichischen Literatur im Gegensatz zur westdeutschen, der die
Verbindung zur historischen Schuld ganz allein zugewiesen wurde: Wiedemann: „‚österrei-
chisch‘ im besten Sinn“?, S. 73–79.
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918