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man sich durch die von der „Moskauer Deklaration“ bereitgestellte „Opferthe-
se“ entziehen, wobei die Frontstellungen des Kalten Kriegs von Österreich
geschickt ausgenutzt wurden. In der Konstruktion einer „breiten, undifferen-
zierten ‚Opfer‘-Mehrheit aus überlebenden Soldaten des Zweiten Weltkriegs und
der ‚Homefront‘-Generation“20 wurden auch die Konflikte der Zwischenkriegs-
zeit begraben.21 Erst in den 1980er-Jahren brach das Verdrängte dann auf.
Eine zentrale Rolle bei der Dissemination eines neuen Österreich-Bildes, das
sich sowohl aus der ehemaligen K.-u.-k.-Monarchie als auch aus der Zeit des
„Ständestaates“ speist und dem Bild des kleinen Landes in der kommunistischen
Propaganda diametral entgegensteht, kommt in Die Getäuschten Leutnant Jel-
linek zu, der von der neuerstandenen Heimat in jenen überzeitlichen Werten
berichtet, auf die auch 1. April 2000 rekurriert. Jellinek ist dabei eine ambiva-
lente Figur, die zwischen Österreichertum und Bewährung in der Deutschen
Wehrmacht oszilliert. Obwohl er sich auch zwischen 1938 und 1945 als Öster-
reicher betrachtet und als Soldat im Rang eines hoch dekorierten Leutnants Mut
bewiesen hat, gesteht er sich ein, als Mensch feig gehandelt zu haben, weil er
sein „Österreichertum“ verleugnet hat. In der Ersten Republik als Lehrer für
Geschichte und Geographie tätig, reproduziert Jellinek das vorherrschende offi-
ziöse Österreich-Bild der Nachkriegszeit und fühlt sich unter seinen Mitgefan-
genen, vor allem seinen österreichischen Landsleuten, wie vor einer Klasse jun-
ger Menschen, „in denen er die Liebe zum Vaterland, das Bewußtsein seiner
geistigen Größe, seiner Bedeutung, seiner Schönheit, seiner Aufgabe wecken
und pflegen sollte“ (G 109). Er beschwört die „landschaftlichen Schönheiten der
Heimat“ und spricht von den
Reizen des Neusiedlersees und des Semmering, vom Zauber der Tauern und der
Seen im Salzkammergut, vom Wintersportparadies in Kitzbühel und am Arlberg.
Er ließ die Schönheiten des Stephansdoms und des Belvedere, von Melk und Hei-
ligenkreuz, von Hohensalzburg und vom Goldenen Dachl vor ihnen aufstehen
[…] (G 110),
eine touristische Bildfolge, die ganz ähnlich in 1. April 2000 zu sehen ist. Auch
in Die Getäuschten sind es, ebenso wie im Film, entpolitisierte Sehenswürdig-
keiten oder die Landschaft selbst, denen die Funktion zukommt, überzeitliche
Werte angesichts eines Bankrotts der Werte zu konstituieren und vor allem
20 Rathkolb: Die paradoxe Republik, S. 39.
21 Vgl. zur Bedeutung der Allegorie des „gemeinsamen Tisches“ für die österreichische Nach-
kriegsidentität Günther Stocker: Der gemeinsame Tisch. Zu einer Allegorie der österreichi-
schen Identität in den Anfängen der Zweiten Republik. In: Journal of Austrian Studies
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(2015) H. 3, S. 1–20. Österreich: Zwischen „‚nicht mehr‘ und ‚noch nicht‘“ 551
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918