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Erfahrungen mit der Besatzungsmacht“.33 In einer Rezension hebt Felix Huba-
lek hervor, dass die sowjetische Praxis der Verschleppung34 unter der „Deckung
und dem Mißbrauch der Besatzungsstatuten fast ungehindert“ möglich sei und
dadurch die „Willkür und Grausamkeit“ der sowjetischen Besatzungsmacht in
den besetzten Ländern „ganz besonders kraß zutage“35 treten würden.
Die Erzählsituation von Kreuzers Roman wird in Form einer fiktiven Gerichts-
verhandlung etabliert, die im Kopf von Mirko in den letzten Sekunden seines
Lebens abrollt. Denn er begeht aufgrund der Schuld, die er sich durch seine ver-
brecherischen Taten als „Menschenräuber“ aufgeladen hat, Selbstmord. Sequen-
zen im dramatischen Modus, die den imaginären Prozess mit Richter, Ankläger,
Verteidiger, Zeugen etc. schildern, alternieren mit erzählenden Passagen, die
dem Gericht als „Lokalaugenschein“ dienen. Dabei wird deutlich: Mirko plant
und führt die Verschleppungen durch, gerät jedoch angesichts seiner Handlun-
gen in einen Gewissenskonflikt und verfällt der Spiel- und Trunksucht. In beson-
dere Bedrängnis gerät er, als er die in Moskau geborene Rita, die bei einem Wie-
ner Zahnarzt in der westlichen Zone beschäftigt ist, verschleppen soll. Als er
sich in sie verliebt und dem Oberst, der Rita für eine amerikanische Spionin hält,
von einer Verschleppung abraten will, gerät er in eine ausweglose Lage. Der
Oberst droht ihm damit, die Akten, die Mirkos durchgeführte Verschleppungs-
aktionen betreffen, an die Amerikaner weiterzugeben. Damit würde Mirko in
eine lebensbedrohliche Situation geraten, wie ihm die Sekretärin des Obersts
erklärt:
wenn wir den Amerikanern das Material geben, gibt es für dich auf der ganzen
Welt keinen Platz mehr, auf dem du in Frieden leben kannst. Entweder wir sind
hinter dir her – oder die Amis. Du kannst drüben nur existieren, wenn du westli-
cher Agent wirst. Und wie aussichtsreich das ist, hat dir ja eben der Oberst erklärt!
(SS 152)
Deutlich wird hier die Rechtlosigkeit, in die Mirko versetzt ist, der sich in das
Netz der Geheimdienste verstrickt hat und dadurch in einen rechtsfreien Raum
versetzt wird. Auch der Journalist, der den Fall aufgedeckt hat und im Prozess
Mirkos gegen sich selbst als Zeuge auftritt, betont diesen Sachverhalt:
33 Manfred Scheuch: Von der Arbeiter-Zeitung zur „Neuen AZ“. Die AZ in der Zweiten Repub-
lik. In: Peter Pelinka, Ders. (Hg.): 100 Jahre AZ. Die Geschichte der Arbeiter-Zeitung. Wien,
Zürich: Europa-Verlag 1989, S. 115–200, hier S. 145.
34 Vgl. Stefan Karner, Barbara Stelzl-Marx (Hg.): Stalins letzte Opfer. Verschleppte und erschos-
sene Österreicher in Moskau 1950–1953. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 2009.
35 Felix Hubalek: Vom Menschenraub … Franz Kreuzer: „Die schwarze Sonne“. Ein Tatsachen-
roman vom Menschenraub. In: Forvm 3 (1956) H. 26, S. 67.
Österreich: Zwischen „‚nicht mehr‘ und ‚noch nicht‘“ 557
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918