Page - 565 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Image of the Page - 565 -
Text of the Page - 565 -
Die Berichte erzeugen im Roman aber nicht nur Hilfsbereitschaft bei der
österreichischen Bevölkerung, sondern auch Angst, selbst von den Sowjets unter-
worfen zu werden. So ruft ein Radiohörer die Westmächte zum Eingreifen auf:
„Sie werden ihnen doch endlich zu Hilfe kommen, sie müssen doch endlich
begreifen, daß es sonst allen an den Kragen geht, früher oder später!“ (TZ 142)
Die Ereignisse bringen Berthold jedenfalls zu der tieferen Einsicht, dass er
sich mit seinen romantischen Vorstellungen von der Revolution ins „Paradies
der Märchenwelt“ (TZ 233) geflüchtet hat und er kommt – angesichts der
Todesopfer, die mit dem Aufstand einhergingen – zu dem Schluss, dass nur „wer
lebt, […] neu beginnen“ (TZ 234) kann. Die Tragik der Ereignisse in Ungarn übt
auf ihn letztlich eine kathartische Wirkung aus und nach seiner Bewährungs-
probe an der Grenze kann er geläutert nach Hause zurückkehren.
Mitterers Roman, der sowohl als Jugend- als auch als Zeitroman rezipiert
wurde, erschien zwischen dem 14.
April und 23.
Juli 1959 als Fortsetzungs roman
in der Arbeiter-Zeitung, die in einer Kritik die Darstellung Bertholds und die
Schilderung seiner Entwicklung als [b]ehutsam und zart“ bezeichnet hatte.53 Das
Tagebuch kritisierte an Mitterers Roman zwar nicht, dass ein 15-Jähriger „die
Konterrevolution in Ungarn für eine Revolution hält“,54 monierte aber vor allem
eine Stelle des Romans, die unmittelbar die Sowjetunion kritisiert:
Aus den ‚paar Stunden‘ des Widerstands, die, […] viele Tausende prophezeit hat-
ten, wurden Tage, schließlich glomm zweifelnde Hoffnung in den Menschen auf:
schon sprach niemand mehr von Narren, die jungen Helden wurden gepriesen, die
soviel Todesmut zeigten, daß – so schien es – die Macht zur Reglosigkeit verurteilt
war wie die Giftschlange vom Blicke dessen, der sich stärker weiß als sie. (TZ 110)
Mitterer würde den „Lügenregen“ über den Aufstand zwar als „unveränderliches
Schlechtwetter“ aufnehmen, so das Tagebuch, aber an ihrer Darstellung merke
man, dass sie „über Dinge schreibe, die [sie] nicht weiß“, sie würde „ohne jenes
tiefere Wissen von den Dingen, die den Dichter ausmachen“ mit solchen „ver-
hatschte[n] Metaphern“ operieren.55
53 hg.: Ein Buch für Mütter und Söhne. In: Arbeiter-Zeitung, 30.11.1958, S. 14.
54 Friedl Hofbauer: Neue österreichische Prosa. In: Tagebuch 15 (1960) H. 9, S. 15.
55 Ebd. Wesentlich kritischer mit der Sowjetunion und dem Verhalten der eigenen Partei ist ein
Text von Susanne Wantoch, der ebenfalls im Tagebuch erschienen ist: „Auch der Haß gegen
die Niedrigkeit – sagte Bert Brecht / verzerrt die Züge. / Wenn aber der verzerrte Haß selbst
in Niedrigkeit umschlägt? […] / Ach, wir erkannten zu spät: / Weil der Freund von Gewalttat
und Blut trieft, / ist der Freund nicht unfehlbar. / Weil die schleimige Heuchelei falscher Gesich-
ter / zum Himmel stinkt / wird die halbe Wahrheit in unserem Mund nicht rein.“ Susanne
Wantoch: Die Last der Mitschuld. In: Tagebuch 11 (1956) H. 23, 1.12.1956, S. 2.
Der gute Samariter 565
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918