Page - 568 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Image of the Page - 568 -
Text of the Page - 568 -
und Ungarn getrennt sind, zwei Mädchen raten auf 1933, eine Frau auf 1938. Das
Verhältnis Ungarns zu Österreich in der Monarchie ist völlig nebulos geworden.
(NZ 110)
Kalter Krieg in Mariazell
Der Wallfahrtsort in der Obersteiermark, der auch für viele Katholiken der öst-
lichen Nachbarländer von großer Bedeutung war, spielt eine wichtige Rolle in
der österreichischen Literatur zum Kalten Krieg. Denn auch Religionen fordern
ein eindeutiges Bekenntnis und bieten keinen Platz für Neutralität. Während
dem Westen Glaubensgemeinschaften als Verbündete dienten, setzte die Sow-
jetunion „konsequent auf die Verfolgung oder zumindest die Überwachung aller
Konfessionen“.60 Der Kreml befürchtete stets, dass sich die Religionen zu einem
Faktor der Spaltung für die Sowjetunion entwickeln könnten, weshalb sie den
Machthabern als potentiell politischer Gegner verdächtig waren.
Für die Österreich-Ideologie nach 1945 stellte der Katholizismus eine zent-
rale Komponente des neuen Nationalbewusstseins dar, das sich aus der Habs-
burgmonarchie und zuletzt aus dem Ständestaat ableitete. 1935 betonte der
damalige Bundespräsident Wilhelm Miklas in einer Rede, dass „[k]atholischer
Glaube im Herzen […] unzertrennbar auch mit dem echten Österreicher-
tum verbunden [ist], mit der Vaterlandsliebe, die sich von den katholischen
Bekenntnissen, von echt katholischer Überzeugung nicht trennen läßt“.61
Diese Ebene des Glaubens spielte auch nach 1945 eine wichtige Rolle im Kal-
ten Krieg, der, wie Dianne Kirby festgehalten hat, sich auch als ein Glaubenskrieg,
als ein globaler Konflikt zwischen den Gottesfürchtigen und den Gottlosen dar-
stellen lässt.62 Nicht nur in den USA, sondern auch in Österreich war trotz einer
konstitutionellen Trennung von Kirche und Staat die religiöse Dimension des
Kalten Krieges besonders signifikant. Das Christentum wurde als praktikable
„Waffe“ gegen den Kommunismus angesehen, weswegen antikommunistische
Rhetorik stets die Betonung der Werte „Demokratie“ und „Freiheit“ mit der
Religionsfreiheit und christlichen Werten kombinierte.63 Der konservative Pub-
lizist William S. Schlamm sprach noch drastischer von einem „Kreuzzug“ des
„atheistischen Kommunisten“ gegen den „frommen Bekenner[…] des Glau-
bens“64. Schlamm verkehrt hier freilich die historischen Tatsachen, gingen die
60 Stöver: Der Kalte Krieg, S. 291.
61 N.N.: Würdevolle Feier in Mariazell. In: Wiener Zeitung, 8.7.1935, S. 2.
62 Vgl. Kirby: Religion and the Cold War – An Introduction, S. 1–22.
63 Vgl. Torberg: Gespräch mit dem Feind?, S. 15.
64 William S. Schlamm: Die Grenzen des Wunders. Ein Bericht über Deutschland. Zürich: Euro-
pa Verl. 1959, S. 215, zit. n. Peters: William S. Schlamm, S. 353.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
568 14 Österreich-Bilder aus dem Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918