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Der sich selbst als praktizierender Katholik verstehende Nagy muss in der
„freien Welt“ seinen Glauben vehementer verteidigen als in der Diktatur. Dass
etwa die Frau seines Gastgebers vehement mit „freiheitlichen Schlagworten aus
der Jahrhundertwende“ sowohl gegen Kommunisten als auch gegen Katholiken
„kämpft“, die „ihre Macht auf Unterdrückung, Zensur, Dogmatismus, Selbstan-
klage und Mißtrauen gegen jede Freiheit“ (NZ 13) begründen, kann Nagy nicht
gutheißen.
Nagy nimmt schließlich die Suche nach seiner Frau Erzebeth auf, die wegen
Trotzkismus-Vorwürfen bereits in den Tagen vor dem Ungarischen Volksauf-
stand aus dem Land flüchten musste. Er erfährt, dass sie zur Erholung nach
Mariazell gefahren ist und in einem Schwesternheim wohnt. Dort angekommen,
schließt sich Nagy einer Wallfahrt ungarischer Flüchtlinge an und findet seine
Frau schließlich wieder, die sich mit einem zwielichtigen Radio-Journalisten,
der für den Sender Radio Freies Europa arbeitet, angefreundet hat. Bald nach
dem Wiedersehen mit Nagy verlässt sie Mariazell, wobei der Text offen lässt, ob
sie von dem Journalisten verschleppt wurde oder freiwillig in die Bundesrepu-
blik gegangen ist, wo sie einen aussichtsreichen Posten als Chemikerin in einem
Labor für pharmazeutische Chemie (vgl. NZ 124) antreten soll.
Henz setzt den zentralen Schauplatz Mariazell nicht aus Zufall, sondern ver-
lässt sich auf die Konnotationen, die der Wallfahrtsort bei Leserinnen und Lesern
hervorrufen musste. Denn die Bedeutung Mariazells wuchs ab 1948, also jenem
Zeitpunkt, als die Kommunisten die ungarische Regierung übernahmen und die
freie Religionsausübung zu unterbinden begannen. Für Flüchtlinge mochte „das
an ungarischen Erinnerungen reiche Mariazell die einzige geistliche Klammer
mit der verlassenen Heimat, dem Ungarntum, den in die Nachfolgestaaten gelang-
ten ungarischen Minderheiten und den ungarischen Katholizismus darstellen“.67
Während der 1950er-Jahre erstarkten der nationale Charakter und die politische
Definiertheit der ungarischen Wallfahrten nach Mariazell und gewannen nach
der Niederschlagung des Ungarnaufstands von 1956 noch weiter an Bedeutung:
„Mariazell wurde der einzige, von den Exil-Ungarn erreichbare ‚ungarische‘
Wallfahrtsort in der freien Welt“,68 eine „Exklave ihrer verlorenen Stammlän-
der“.69 Später wurde der Ort zum ungarischen nationalen Wallfahrtsort, vor
allem wegen der Beisetzung und der Grabstätte des ungarischen Kardinals Jósz-
ef Mindszenty 1975, einer Symbolfigur der katholischen Dissidenten, und damit
67 Gábor Barna: Mariazell und die ungarischen Wallfahrten. In: Walter Brunner (Hg.): Mariazell
und Ungarn. 650 Jahre religiöse Gemeinsamkeit. Graz, Esztergom: Steiermärkisches Landes-
archiv 2003, S. 71–81, hier S. 80.
68 Ebd.
69 Christian Stadelmann: Das ungarische Mariazell oder die Neubewertung einer religiösen Leit-
figur. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde 53 (1999) H. 102, S. 1–20, hier
S. 10.
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570 14 Österreich-Bilder aus dem Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918