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Ich kann die Kirche weder aus meinen Gedanken ausschalten, ich müßte denn
mein Leben verleugnen und meinen noch gesunden Verstand, ich kann sie auch
nicht um Jahrhunderte zurückversetzen und ihr eine irdische Macht zubilligen,
die ihr schon damals schlecht bekommen ist. (NZ 175)
Er wird sich darüber klar, dass „[w]ir Katholiken […] beim gegenwärtigen
Zustand des geistigen Lebens in der Freien Welt eine sehr undankbare Aufgabe“
(NZ 177) zu erfüllen haben, und sieht die Praxis des gläubigen Katholiken vor
allem in einer dienenden Funktion: „Wie anders können wir die Irrlehren des
Kollektivs widerlegen, als durch die Persönlichkeit der Kinder Gottes? Indivi-
dualisten, aus unserer christlichen Wurzel her, nicht Scharlatane des Individu-
alismus!“ (NZ 178)
Auch der „heilige Boden“ von Mariazell ist vor zwielichtigem Personal nicht
sicher, wie Nagy feststellen muss. Er begegnet Molnar, dem Führer einer Grup-
pe von ungarischen Wallfahrern, denen er sich durch sein Verhalten entfremdet
hat und über den es das Gerücht gibt, er sei ein Agent, der Verschleppungen für
die ungarische Regierung vornimmt. Molnar zeigt sich interessiert an Nagy und
hält ihn für den prominentesten Flüchtling in Mariazell. Nagy, der ihn in katho-
lische Kreise einführt, verdächtigt Molnar, ein Agent zu sein: „Als Agent sind
Sie entweder beauftragt, die Flüchtlinge auszuspionieren und die Kartei der AVO
durch Ihre Meldungen zu ergänzen. Oder auf Menschenraub spezialisiert.“ (NZ
199) Selbst an einem heiligen Ort fühlt sich Nagy vor den Hintermännern des
totalitären Regimes nicht sicher. Die Figur in Die Nachzügler, die schlussendlich
die vollendete Synthese zwischen Antikommunismus und Katholizismus her-
stellt, ist Nagys Sohn. Dieser hat während des Aufstandes an der Seite von Pál
Maléter, einem Oberst der ungarischen Armee, als Anführer einer Studenten-
brigade gegen die russischen Panzer gekämpft. Er verbleibt auch nach der Nie-
derschlagung des Aufstands in Budapest und stirbt dort für seinen Glauben. Als
Anführer einer katholischen Widerstandsgruppe hingerichtet, wird er für seinen
Vater zum Märtyrer (vgl. NZ 252).
Oktoberstreik 1950
Wie sehr Österreich während der Besatzungszeit als bedrohtes Territorium wahr-
genommen wurde, zeigen die literarischen Auseinandersetzungen mit dem Streik
gegen das von der Großen Koalition beschlossene vierte Lohn-Preis-Abkommen
im September/Oktober 1950, der maßgeblich von der KPÖ mitorganisiert wur-
de und von Ängsten vor einem kommunistischen Putsch begleitet wurde.
Im Roman Die schwarze Sonne des sozialdemokratischen Journalisten und
Politikers Franz Kreuzer werden die Ereignisse rund um den „Oktoberstreik“
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
572 14 Österreich-Bilder aus dem Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918