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sich auf eine „gewaltsame Eskalation oder gar einen bewaffneten Konflikt mit
den Westmächten einzulassen“72. In Gamillschegs Die Getäuschten, ein keines-
wegs sowjetfreundlich gestimmter Roman, wird das 1961 bereits so wahrgenom-
men. Als die „Krisentage vom Oktober 1950“ vorbei sind, wird ersichtlich, dass
die Russen nicht die Absicht haben „den status quo [sic!] zu ändern, auch nicht
in negativer Hinsicht“ (G 360).
Andererseits gelang es der österreichischen Koalitionsregierung mit Hilfe der
Putschdrohung dem Streik seine Dynamik zu entziehen. In einem Gespräch
erläutert Mirko dem russischen Oberst die Wirkung dieser Angst-Propaganda
auf die österreichische Bevölkerung:
Eine Revolution kann man nicht in Raten machen. Die Leute sind inzwischen von
den Sozialisten bearbeitet worden. Man hat ihnen das Gespenst der kommunisti-
schen Diktatur an die Wand gemalt. Sie haben jetzt vor der Volksdemokratie mehr
Angst als vor dem Lohn- und Preisabkommen. (SS 102)
Für die KPÖ hatte die Niederschlagung des Streiks weitgehende politische Fol-
gen. So wurden nach dem „Oktoberstreik“ die Gremien des ÖGB von kommu-
nistischen Parteimitgliedern gesäubert und hunderte Mitglieder der KPÖ aus
den verstaatlichten Betrieben entlassen. Die Partei selbst wurde noch stärker in
die Isolation gedrängt.
Zehn Jahre später, also 1960, war der erfolgreiche Widerstand der Österrei-
cherinnen und Österreicher gegen die angeblich drohende „kommunistische
Eroberung“, so Innenminister Oskar Helmer im Forvm, 73 bereits zu einem
staatstragenden Mythos erhoben worden: „Wäre der lebendige Damm, den die
Arbeiter und Angestellten, die Bevölkerung und die Exekutive damals bildeten,
auch nur an einer Stelle gebrochen, so wäre Österreich heute kommunistisch.“74
Oliver Rathkolb hat darauf hingewiesen, dass die „Putsch-Metapher“ und die
damit einhergehende Mythisierung des „Oktoberstreiks“ von der österreichi-
schen Politik bewusst in der Öffentlichkeit zur „Durchsetzung kurz- bzw. lang-
fristiger Ziele im Kalten Krieg“75 eingesetzt wurde, um damit die Wirtschafts-
72 Wolfgang Mueller: Die gescheiterte Volksdemokratie: Zur Österreich-Politik von KPÖ und
Sowjetunion 1945 bis 1955. In: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 13
(2005) 1, S. 141–170, hier S. 169.
73 Oskar Helmer: Als Österreichs Kommunisten putschten. Zum 10. Jahrestag des Staatsstreichs
der KPÖ im September 1950. In: Forvm 7 (1960) H. 81, S. 322–325, hier S. 325.
74 Ebd.
75 Oliver Rathkolb: Die „Putsch“-Metapher in der US-Außenpolitik gegenüber Österreich, 1945–
1950. In: Michael Ludwig (Hg.): Der Oktoberstreik 1950. Ein Wendepunkt der Zweiten Repu-
blik. Dokumentation eines Symposiums der Volkshochschulen Brigittenau und Floridsdorf
und des Instituts für Wissenschaft und Kunst. Wien: Picus 1991. S. 113–123, hier S. 113.
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574 14 Österreich-Bilder aus dem Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918