Page - 576 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Image of the Page - 576 -
Text of the Page - 576 -
sowie die Aufklärung der Arbeiterschaft waren dabei intendiertes Ziel. Den Titel
des Romans erklärte Wiesinger mit der „rosaroten“ Einstellung der Sozialdemo-
kraten gegenüber der Revolution, die eben keine echten Revolutionäre wären,
sondern „Steigbügelhalter des Kapitals“.82 1950 sei es ihnen mittels der „Putschlü-
ge“ gelungen, die verbreitete Angst in den Köpfen der österreichischen Bevöl-
kerung vor der Installierung einer „Volksdemokratie“ durch die KPÖ und die
sowjetischen Besatzer für ihre eigenen politischen Zwecke zu instrumentalisie-
ren.
Der Verrat an den Arbeitern wird zum zentralen Motiv von Wiesingers Roman,
denn indem Gewerkschaftsführer Olah Arbeiter gegen ihre Kollegen kämpfen
lässt – so Wiesingers Darstellung –, unterläuft er die Solidarität unter den Werk-
tätigen. Figuren, die der Sozialdemokratie angehören, werden als verunsichert
und naiv bis dumm charakterisiert oder sind gar Spitzel, während kommunis-
tisch engagierte Figuren als ideologisch gefestigte Aufklärer die Politik der SPÖ
entlarven. Dass das Scheitern der Streikbewegung auch auf Fehler der KPÖ
zurückzuführen ist, darauf nimmt Wiesinger nur indirekt Bezug, z.B. in der Dar-
stellung eines Delegierten, der von der Betriebsrätekonferenz zurückkehrt, die
auf dem Höhepunkt des Streiks den Beschluss fasste, die Kampfaktion zu unter-
brechen. Die mit der „politischen und taktischen Führung des Kampfes über-
fordert[e]“83 KPÖ beging mit dieser Unterbrechung einen kapitalen Fehler:
Denn mit der Einberufung einer gesamtösterreichischen Betriebsrätekonferenz,
die eine breit legitimierte Streikleitung aufbauen sowie ein Forderungsprogramm
an die Regierung beschließen sollte, wurden die Streikaktionen verzögert und
das verschaffte dem politischen Gegner genug Zeit für die Mobilisierung der
Gegenpropaganda.
Als „boshaftes Schweigen“ bezeichnete Wiesinger die nicht erfolgte Rezepti-
on seines Romans in den österreichischen Medien, „selbst bei Menschen, von
denen ich genau weiß, daß sie mir liebend gern für diese Richtigstellung der
Geschichte ins Gesicht spucken würden“84. Immerhin brachten die Literatur-
zeitschrift wespennest und das KPÖ-Organ Weg und Ziel Teilabdrucke des
Romans. In Deutschland erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
eine Rezension, die jedoch alles andere als positiv war. Wiesinger wurde vorge-
worfen, seine „Literaturwaffe“ nötige dem Leser eine „klassenkämpferische
Schlussfolgerung“ auf, und beweise durch die „ultralinke These vom ‚Proletari-
at als revolutionärem Subjekt‘“ nur die „politische Ohnmacht ihrer Befürwor-
82 N.N.: Der rosarote Straßenterror.
83 Walter Baier: Das kurze Jahrhundert: Kommunismus in Österreich. KPÖ 1918 bis 2008. Wien:
Edition Steinbauer 2009, S. 110.
84 Wiesinger: Das boshafte Schweigen, S. 48.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
576 14 Österreich-Bilder aus dem Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918